Das tragische Ende der "Jägerslust"

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29. September 2010, 03:59 Uhr

FLENSBURG | Noch bis kurz vor ihrer Vertreibung vom eigenen Besitz glaubte sie an einen Rest von Rechtsstaatlichkeit auch in einem Land, in dem sich das diktatorische Regime der Nationalsozialisten etabliert hatte: Käte Wolff griff zum Telefon und wandte sich Hilfe suchend an die Polizei: "Kommen Sie schnell, wir werden hier überfallen, man schlägt hier alles kurz und klein!" Was sie nicht musste: Die Polizei war längst vor Ort - und zwar als Mittäter eines Überfalls auf das am Stadtrand von Flensburg gelegene Gut Jägerslust.

Drahtzieher und Hauptakteur des nächtlichen Terrors während der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 war Hinrich Möller, Polizeipräsident und SS-Standartenführer in Personalunion. Neben der SS, der Schutzpolizei und der SA war auch die Gestapo an diesem Gewaltexzess beteiligt, der das jähe Ende der Schonfrist gegenüber der jüdischen Familie Wolff und ihrem Gutshof, der seit 1934 als Auswandererlehrgut für emigrationsbereite junge Juden diente, bedeutete.

Während sich Wolff-Junior Alexander in der Pogromnacht durch Flucht über die Grenze in Dänemark in Sicherheit bringen konnte, wurden alle anderen Jägerslust-Bewohner verhaftet, auch seine Frau Irma und seine Mutter Käte Wolff. Alexander Wolffs verzweifelte Bemühungen, von Kopenhagen aus seiner Frau, seiner Mutter und seiner in Berlin lebenden Schwester Lilly Wege ins rettende Ausland zu ebnen, misslangen. Nach ihrer Entrechtung und Vertreibung wurden die drei Wolff-Frauen von Berlin aus gen Osten deportiert und in deutschen Vernichtungslagern umgebracht: Käte Wolff in Treblinka, Irma Wolff in Auschwitz und Lilly Wolff in Riga.

Das verwaiste Gut wurde "arisiert" und in die militärisch begründete Flugplatzerweiterung einbezogen. Nach 1945 wurde es zunächst als Flüchtlingslager und später als Teil des Truppenübungsplatzes der Bundeswehr genutzt. 1998 wurde das Areal von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein erworben, die schließlich 2004 das letzte Jägerslust-Gebäude abbrechen ließ. Seitdem erinnern drei sogenannte Stolpersteine und eine Informationstafel an das Schicksal der Gutsfamilie.

Zusätzlich soll der Weg, der von der Gartenstadt in Weiche zum Stiftungsgelände in Richtung des einstigen Gutshofes führt, nach Käte Wolff, deren Vorname eigentlich Katharina lautete, benannt werden. Auf Anregung der dänischen Minderheit hatte die Arbeitsgemeinschaft "Gesunder Stadtteil Weiche" eine solche Namensgebung vorgeschlagen. Die Ratsversammlung hatte in ihrer Sitzung vom 29.4.2010 diesem Antrag einstimmig entsprochen. Das obligatorische Straßenschild wird ergänzt durch den deutsch- und den dänischsprachigen Hinweis "Katharina Wolff (1868-1942), 1938 von Jägerslust vertrieben, 1942 in Treblinka ermordet". Die Initiatoren aus Flensburg-Weiche wollen am kommenden Donnerstag, 30. September, 16 Uhr, das neue Namensschild mit der Beschriftung Käte-Wolff-Weg offiziell enthüllen. Dazu ist die interessierte Öffentlichkeit eingeladen.

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