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Ungewöhnlicher Unterricht : Das tierische Klassenzimmer in Flensburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Kurt-Tucholsky-Schule (KTS) in Flensburg beschäftigt zwei Schulhunde, die für Ruhe und Konzentration im Unterricht sorgen sollen.

Flensburg | Caspar kann den Twist. Als Tim diesen Befehl gibt, vollführt der schwarze Labrador-Retriever einen Mini-Tanz um die eigene Achse. Caspar, der am Montag fünf Jahre alt geworden ist, kann noch mehr. Zum Beispiel die Pfote geben oder von hinten durch die gespreizten Beine eines Zweibeiners gehen. Caspar hat eine Hundeschule besucht und unter anderem die Prüfung zum Begleithund abgelegt. Seit einem halben Jahr nimmt ihn sein Frauchen Claudia Wortmann in ihre Schule mit. Wortmann unterrichtet an der Kurt-Tucholsky-Schule (KTS) und ist stellvertretende Klassenlehrerin der 5a. Caspar ist dort Schulhund.

Er sorge für Ruhe und ein angenehmes Klassenklima, erklärt sein Frauchen den Einsatz ihres tierischen Freundes in mehreren ihrer Klassen. Die Kinder selbst sagen, Caspar nehme ihnen Nervosität oder Furcht auch vor anderen Hunden, sorge für gute Laune und tröste bei Traurigkeit. Anfangs hätten die Schüler selbst Regeln aufgestellt für den Umgang mit Caspar, erläutert Wortmann. So lernten sie, auch Verantwortung zu übernehmen.

Noch bevor sie an diesem Vormittag ihre Schüler auf Englisch begrüßt, schnappt sich Caspar eines seiner Stofftiere mit der Schnauze und blickt erwartungsvoll in die Runde. Doch muss er sich mit dem Spielen etwas gedulden, der Englisch-Unterricht hat begonnen. Wortmann legt eine Folie auf den Projektor, die auch ein Foto von Caspar zeigt – inmitten vieler anderer Hunde-Porträts verbunden durch Pfeile. Tim meldet sich. „Family tree“ bedeute wörtlich übersetzt „Familienbaum“, weiß der Fünftklässler. Richtig, Stammbaum, bestätigt Claudia Wortmann. Während die Schüler die verwandtschaftlichen Beziehungen des Hundes kennen lernen und dabei Vokabeln wie „grandma“ oder „uncle“ wiederholen, liegt Caspar ausgestreckt auf allen Vieren im Mittelgang des Klassenzimmers. Auf die Englisch-Lehrerin, die seit Februar an der KTS arbeitet, prasseln Fragen ein. Sind das die echten Geschwister, Großeltern und Cousins des Vierbeiners und die richtigen Namen? Leben die alle noch?

Claudia Wortmann beantwortet die Fragen geduldig. Dann möchte sie von den Schülern wissen, ob ihnen etwas bei der Genitiv-Bildung im Englischen auffällt. Caspar weiß es wohl auch nicht, grummelt und lässt sich auf die Seite fallen. Er bekommt Krauleinheiten von einem Jungen in der ersten Reihe. Die Fünftklässler tasten sich heran ans Apostroph und s. Wortmann lässt Übungszettel austeilen; die Schüler dürfen zu zweit daran arbeiten und stecken die Köpfe zusammen. Es wird unruhig. Caspar erhebt sich, streift an den Wänden entlang und beschnüffelt Jacken, die über den Stühlen hängen.

Würde es zu laut, sagt Claudia Wortmann, würde sich Caspar regelrecht verkriechen, am besten unter ihrem Tisch. Dann müssten ihre Schüler auch mal zwei, drei Tage ohne Caspar auskommen, denn sie müsse zusehen, „dass der Hund keinen Schaden nimmt“. Weil das keiner will, beruhigt sich die Klasse. Die Schulleitung habe den Einsatz von Schulhunden angeregt und unterstützt, berichtet Wortmann. Die Eltern wurden informiert und konnten Bedenken äußern. „Jeder muss dafür sein“, betont Wortmann die Voraussetzung. Der Zufall half schließlich, dass gerade sie und ihre Kollegin Anche Götsch geeignete Hunde hatten. Götsch führt derzeit ihren zehn Monate jungen Lennox, ebenfalls einen Labrador-Retriever, an die Begleitung in der Schule heran. Pausen können die Vierbeiner in einem umgewidmeten Raum in der Schule verbringen, oder sie werden von Schülern ins Gelände begleitet. Nur schade, dass Caspar nicht bei den Englisch-Hausaufgaben helfen kann.

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erstellt am 22.Jan.2014 | 09:21 Uhr

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