zur Navigation springen

Hilfe im Advent : „Das tiefe Tal ist immer eine Chance“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Masseurin verliert Wohnung, Job und Auto und kommt nach einem schleichenden aber tiefen Sturz in die Obdachlosigkeit mit Hilfe der Treppe und des Bürgerfonds wieder auf die Beine

shz.de von
erstellt am 21.Dez.2013 | 09:00 Uhr

Der Weg an den Rand der Gesellschaft – ein schleichender Prozess. Doch der Fall war tief. Am Ende standen Obdachlosigkeit, Angst und Verzweiflung. Karin Westhoff * hatte eine Wohnung, einen Job, eine Perspektive – bis sie quasi über Nacht alles verlor. Die 49-Jährige arbeitete als Masseurin und medizinische Bademeisterin am Rande Hamburgs. Täglich pendelte sie von ihrem Wohnort in Nordfriesland gen Süden. Die Fahrtkosten fraßen sie auf. Eine neue Wohnung musste her.

Dann macht Karin Westhoff einen folgenschweren Fehler. Sie hat eine Wohnung in der Hansestadt in Aussicht und kündigt im Mai ihren bestehenden Mietvertrag. Doch der neue Vermieter springt plötzlich ab. Ehe sie sich versieht, ist sie auf der Straße gelandet. Und die Spirale beginnt sich nach unten zu drehen.

Karin Westhoff übernachtet bei Freunden oder in ihrem Auto, in das sie ihr gesamtes Hab und Gut gepfercht hat. Sie zieht von Autobahnraststätte zu Raststätte, immer begleitet von der Angst, von der Polizei entdeckt und zur Rede gestellt zu werden. Der psychische Druck nimmt zu, und irgendwann hält sie es nicht mehr aus. Die überforderte Frau kündigt ihren Job. „Ich wurde unter Tarif bezahlt“, sagt sie, „und fand keinen Rückhalt im Team.“ Es ist eine Grenze erreicht. „Bis dahin, und nicht weiter.“

Das Auto ist ihr einziger materieller Besitz – und der letzte, von dem sie sich trennt. Sie findet einen Käufer in Flensburg. So strandet Karin Westhoff an der Förde. Es ist mittlerweile September. Nachdem sie anfangs in der Jugendherberge übernachtet hat, schläft sie fortan auf Parkbänken, lebt von dem Erlös aus dem Fahrzeugverkauf, bis auch dieser aufgezehrt ist.

„Ich brauchte Zeit, um darüber nachzudenken, was ich erreichen will im Leben“, sagt Karin Westhoff. In der Kirche findet sie einen Ort, um ihre Gedanken sammeln zu können. Dort fällt ihr eine Broschüre der Beratungsstelle für Frauen in besonderen Notlagen „Die Treppe“ in die Hände. Mitarbeiterin Alexandra Kaiser erinnert sich. „Eines Tages stand sie vor der Tür, zwei Plastiktüten mit Sommerkleidung hatte sie dabei, sonst nichts.“

Die Obdachlose landet in der städtischen Unterkunft am Wilhelminental. „Ein schönes Gefühl war das, wieder einmal in einem Bett zu schlafen“, sagt sie. Und merkt, dass die Aus-Zeit trotz aller Entbehrungen wichtig war. „Als Teil der Gesellschaft nimmt man alles anders wahr, als wenn man von außen guckt.“ Sie wünscht sich, dass die Menschen, denen es gut geht, einmal über den Tellerrand schauen. „Hektik, Materialismus, Egoismus – es wird doch immer schlimmer“, sinniert sie. Hat aber auch das „schöne Bild“ vor Augen, wie ihr zwei Männer jeweils fünf Euro in die Hand drücken, als sie auf der Straße lebt.

Bei der „Treppe“ findet sie die Hilfe, die sie braucht. „Ich wurde hier aufgenommen als Mensch.“ In der Kleiderkammer wird sie „winterfest“ gemacht, ärztlich und mit Mahlzeiten versorgt, der Bürgerfonds liefert die nötigen finanziellen Mittel. „Ich habe große Hochachtung vor der Arbeit, die hier geleistet wird, und vor den Spendern, ohne die das alles nicht möglich wäre“, sagt Karin Westhoff.

Bei der Wohnungssuche muss sie erneut bittere Erfahrungen machen. Sobald sie als Wohnort Wilhelminental angibt, fällt bei den Vermietern die Klappe. „Sie assoziieren mit Obdachlosigkeit sofort Alkohol und Drogen, sind voller Vorurteile.“ Schließlich aber hat sie Erfolg. Seit Dezember lebt sie in einem Domizil, in dem sie sich wohlfühlt. „Und ich habe einen toleranten Vermieter – er weiß Bescheid.“

Karin Westhoff hat in diesem Jahr etwas gelernt. „Das tiefe Tal ist immer eine Chance“, sagt sie. Und sie weiß, dass es jeden Menschen nach unten ziehen kann, tief in das soziale Abseits. „Keiner soll sich in einer Sicherheit wiegen, die es in Wirklichkeit nicht gibt.“


* Name und Alter von der Redaktion geändert

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen