Flensburger Jahresrückblick, Teil 1 : Das Tempo der Oberbürgermeisterin

Feierlich: Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar nimmt Simone Lange den Amtseid ab, Bürgermeister Henning Brüggemann macht sich sicherheitshalber etwas kleiner.
Feierlich: Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar nimmt Simone Lange den Amtseid ab, Bürgermeister Henning Brüggemann macht sich sicherheitshalber etwas kleiner.

Feedback nach 26 Minuten: Wie Tageblatt-Redaktionsmitglied Carlo Jolly das erste Jahr von Simone Lange erlebte

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27. Dezember 2017, 15:19 Uhr

„Ganz Flensburg redet über die Haarfarbe der Oberbürgermeisterin“: Ob Moderatorin Marie Bergner bei der Eröffnung der Kurzfilmtage Mitte November Recht hat oder vielleicht doch ein bisschen übertreibt: Der lockere Spruch über die Verwaltungschefin, die gerade von Blond zur brünetten Originalfarbe zurückgekehrt ist, wirft ein Schlaglicht auf mindestens zweierlei. Zum ersten Mal in seiner mehr als 730-jährigen Geschichte hat Flensburg eine Oberbürgermeisterin bekommen. Das muss auch Einfluss auf den Umgang in Politik und Verwaltung des Rathauses haben – und dessen Wahrnehmung. Und mal ganz ehrlich: Simon Faber, Klaus Tscheuschner, Hermann Stell, Olaf Cord Dielewicz, Bodo Richter – allein beim Rückblick auf die jüngere Ahnengalerie wird sofort klar: Eine Beschäftigung mit der Haarpracht an der Rathausspitze hätte in den vergangenen 40 Jahren wenig Sinn gemacht.

Was sich mit Simone Lange zuallererst geändert hat, waren das verblüffende Tempo im Agieren und Kommunizieren – sowie ihre stetige Ansprechbarkeit. Und: Sie zeigt sich zwar immer gut informiert und entschlossen – ist aber nicht beratungsresistent. Ganz zu Beginn der aufkommenden Diskussion um den möglichen Krankenhausneubau am Flensburger Stadtrand, in den Osterferien, wittert sie kurzzeitig eine „Kampagne“. Doch sehr schnell erkennt sie, dass hier mit ganz viel Sachverstand, ohne Parteibuch, dafür aber mit Leidenschaft für Stadt und Region gekämpft wird. Schnell holt Lange alle Beteiligten aus den Krankenhäusern und dem Ministerium an einen Tisch – und lädt schon wenige Tage nach der Landtagswahl zum Informationsabend in die Bürgerhalle des Rathauses, wo die stichhaltigen Argumente der kritischen Ärzteschaft die Stimmung sehr schnell umschlagen lassen.

Oder: Der Abend Anfang September, als das Rathaus den gefundenen Klinikstandort Peelwatt bekannt gibt: Simone Lange ist zu einem Kongress in Polen, ruft aber nach der Anfrage gegen 21 Uhr nach weniger als einer halben Stunde zurück.

Oder: Die Bitte aus der Tageblatt-Redaktion per SMS von Donnerstagabend, 19.13 Uhr, bis Freitagnachmittag vier kurze Fragen zu ihrem ersten Jahr zu resümieren (siehe Kasten unten), beantwortet sie am Abend nach 26 Minuten. Diese Oberbürgermeisterin, noch kein Jahr im Amt, ist stets sehr präsent, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Dass sie ihre Botschaften auch per Twitter und Facebook verbreitet, sich mit Likes, Kommentaren und kurzen Erklärungen gern auch direkt an Einwohner, Leser und Seiten-Nutzer wendet – daran haben wir uns nach nicht mal einem Jahr fast schon so sehr gewöhnt, dass es für diesen Text fast durchgerutscht wäre.

Rückblick auf die Vereidigung am 12. Januar im Ratssaal, bei der die gesamte Familie auf der Besuchertribüne sitzt: Allein die Zahl der Geschenke-Überbringer bis hin zur Vertreterin der Moscheegemeinde lässt ahnen, wie groß die Hoffnungen und Erwartungen an Flensburgs erste Oberbürgermeisterin seit 1284 sind. „Dass sie übers Wasser gehen kann, ist noch das Geringste, das erwartet wird“, sagt einer ihrer Wegbegleiter am Tag der Vereidigung.

Dabei kommen die großen Themen schneller als zu erwarten war. Der wachsenden Stadt gehen Wohnungen und Gewerbeflächen aus – und dann beschimpft der Noch-Ministerpräsident die kritischen Chefärzte im Beisein der drei Monate amtierenden Oberbürgermeisterin zu Ostern als Blinde, die von der Farbe reden. Frohe Ostern!

Die Oberbürgermeisterin scheut auch keine Minderheitenstandpunkte, wenn sie für Flensburg und die Region offenkundig Sinn machen könnten. Wenige Wochen nach Dienstantritt testet Lange einen Dienstwagen mit Wasserstoffbrennstoffzelle und hilft mit dabei, Lobbyarbeit für die erste Wasserstofftankstelle in Flensburg zu machen. Dabei stellt Simone Lange auch ihre Risikobereitschaft unter Beweis: Sie schafft es, mit dem nicht vollgetankten H2-TestAuto von Flensburg nach Lübeck und zurück.

Flensburgs jüngste Bürgermeisterin ist die bei Amtsübernahme 40-Jährige übrigens nicht gewesen. Wilhelm Toosbüy war 37 Jahre, als er 1868 Chef im Rathaus wurde. Er blieb 30 Jahre – und in seiner Amtszeit verdoppelte sich Flensburgs Einwohnerzahl. Nachfolger Hermann Bendix Todsen leitete die Geschicke der Stadt schon mit 34 Jahren – und blieb sogar 32 Jahre im Amt.

Die weiteren Teile

>Morgen: Das Drama von Klues, der Prozess des Jahres und die Folgen

>Das Krankenhaus am Rande der Stadt: Die Klinikinitiative der alten Chefärzte (Freitag-Ausgabe)

>Der Kampf ums Grün: Wie viel Wohnen verträgt Flensburg? (Sonnabend)

>Im Zeppelin von Wolke zu Wolke (2. Januar)

>Wochenmarkt und Weihnachtsmarkt: Kann es nur einen geben? (3. Januar)

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