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Flensburger Tageblatt

17. Oktober 2017 | 19:28 Uhr

Lesung : Das Schweigen der Väter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rund 100 Gäste erleben gebannt Michael Görings erste Lesung in Deutschland aus „Vor der Wand". Gastgeber war der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag.

shz.de von
erstellt am 18.Sep.2013 | 19:45 Uhr

„Wie schafft man es, ein ganzes Dorf auszurotten“, fragt ein Zuhörer fassungslos. „Unvorstellbar“, erwidert Michael Göring bestätigend. Er ist der Autor des Romans „Vor der Wand“ und hat gestern Abend zum ersten Mal in Deutschland im sh:z-Medienhaus in Flensburg aus seinem neuen Werk gelesen.

Erst im Angesicht des Todes vermag der an Krebs erkrankte Vater des Protagonisten Georg seinem Sohn von seiner Beteiligung an der Auslöschung des Dorfes Sant’ Anna di Stazzema in der Toskana im August 1944 zu erzählen. Ergriffen hören rund 100 Gäste Görings Beschreibungen von „völlig verängstigten Gesichtern“ der Kinder, Frauen und Greise. „Vater hat auf unschuldige, unbewaffnete Menschen geschossen“, lässt der Autor Georg nüchtern sagen.

Ein Brief an die Zeit-Stiftung habe ihn 2006 auf das von Historikern nun aufgearbeitete Massaker aufmerksam gemacht, das wie viele andere Kriegsverbrechen nie gesühnt worden sei, erklärt der Leiter der Stiftung. Zwei Musiker baten Göring in ihrem Schreiben um finanzielle Unterstützung für die Friedensorgel in dem toskanischen Dorf, in dem hunderte Menschen umkamen. Inzwischen gebe es einen jährlichen italienisch-deutschen Musiker-Workshop in dem Dorf und eine Gedenkstätte, die auch Tafeln, Wände mit Namen und Bildern der Opfer beinhaltet.

Mit warmer Stimme, dynamisch und ohne Dialekt liest der Westfale vor einem gut informierten Publikum, wagt sogar leisen Gesang, als der Text ihn erfordert. Görings gekonnt inszenierte Dialoge erzählen die Geschichte und Geschichten zügig und doch detailliert, zeichnen präzise Bilder der Figuren, kreieren Spannung mittels Rückblenden, lassen eine Mauer des Schweigens zwischen den Generationen allmählich bröckeln. Nach dem Vortrag „harter Sachen“, versichert Göring, dass unter anderem auch eine Liebesgeschichte dem Leser Erleichterung verschaffe. Er schließt ein amüsantes Kapitel an, in dem Georg in Detroit zum Thanksgiving eingeladen ist. Der Stille folgt erleichtertes Lachen im Publikum – über ein lesenswertes Buch voller Kontraste.

Zur Fortführung des Themas liest die Flensburgerin Melanie Wolfers, die jetzt in Wien lebt, aus „Die Kraft des Vergebens“ – am 28. Oktober, um 19 Uhr, im sh:z-Medienhaus Flensburg (Fördestraße 20).

 

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