Verstorbene Flensburger Künstlerin : Das Schaffen von Elsbeth Arlt: Trockener Humor, tiefe Ernsthaftigkeit

Die Künstlerin Elsbeth Arlt ist nach längerer Krankheit gestorben.
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Die Künstlerin Elsbeth Arlt ist nach längerer Krankheit gestorben.

Schleswig-Holstein hat eine seiner bedeutendsten Kulturschaffenden verloren. Ein Nachruf von Martin Schulte.

shz.de von
21. Juli 2015, 16:11 Uhr

Kiel/Flensburg | Sie strahlen. Am Tage, und, viel heller noch, bei Nacht. Sechs Wörter über dem Eingang der Kieler Universitätsbibliothek: „Manche leuchten, wenn man sie liest“ steht dort in großen, gelben Buchstaben geschrieben. Ein Blickfang für jeden Besucher und ein Beleg dafür, wie hintersinnig und klug Kunst sein kann. Den Schriftzug hat Elsbeth Arlt gestaltet, es ist ein typisches Werk der Flensburger Künstlerin.

Foto: Land Schleswig-Holstein

Die Bedeutung der Worte spiegelt sich in der optischen Gestaltung wider. Buchstäblich und im übertragenen Sinne. Ein Werk, das den Wert der Bücher und der Kunst miteinander verbindet. Und seit Freitag ein Werk, das an die Künstlerin Elsbeth Arlt erinnern wird, denn an diesem Tag ist sie nach langer und schwerer Krankheit gestorben.

Elsbeth Arlt hat sich immer hinter ihre Arbeiten gestellt. Wichtig waren ihr Betrachter und Werk: „Ich möchte, dass eine Beziehung zwischen beiden entsteht“ hat sie einmal gesagt. Das war im Jahr 2012, als sie den Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein erhielt. Schon damals war sie von ihrer Krankheit gezeichnet, aber sie hat diese Krankheit nie zum Thema gemacht. Ganz im Gegenteil: Sie bat in Gesprächen immer darum, dass es um die Kunst gehen möge. Leise und freundlich erzählte sie dann von ihren Arbeiten, griff sich Kataloge und Bilder, zeigte die wichtigen künstlerischen Verbindungen in ihrem Leben auf.

1948 in Kiel geboren, studierte Elsbeth Arlt zunächst an der Kieler Fachhochschule für Gestaltung und wechselte schließlich an die Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Dort wurde die Grundlage für ihre Konzeptkunst gelegt, ihr intuitiver und spielerischer Umgang mit der Kunst geweckt. Im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Mitabsolventen zog es sie aber nicht in eine  Metropole, sie kehrte nach Schleswig-Holstein zurück und legte zwischen Förderpreis (1989) und Kunstpreis des Landes eine  eindrucksvolle Karriere hin,  auch über die Landesgrenzen hinaus: 1993 erhielt Elsbeth Arlt das Casa Baldi Stipendium im italienischen Olevano Romano. 

Ihr Stil ist da schon unverwechselbar und doch kaum zu fassen. Es reicht ihr  nicht, einfach nur zu malen, sie bindet ihre Bilder in Installationen ein; sie rettet alte, aussortierte Bücher, fasst sie unter dem Begriff „Pflegenotstand“ zusammen und fotografiert dann wieder die Ausstellungsbesucher, die sich im wahrsten Wortsinne verrenken müssen, um die Botschaften der Bücherhaufen in Kniehöhe zu entziffern.

Sie macht die Schrift selbst zur Kunst und verbindet verschiedene Materialien miteinander, gibt alten Buchseiten mit feinen Zeichnungen ein neues Leben und  wird auch ungefragt im öffentlichen Raum aktiv: Mit ihren eigenen Bauzaun-Schildern etwa – schwarz-gelb wie das deutsche Baustellen-Mantra, dass Eltern für ihre Kinder haften: „Etwas geht noch, etwas trägt noch, etwas hält noch – dann stürzt das Gerüst“, steht drauf. Gesellschaftskritik mit Baustellen-Vokabular, Guerilla-Kunst.

Bei der Verleihung des Kunstpreises hat Anette Hüsch, die Direktorin der Kieler Kunsthalle, Elsbeth Arlts Arbeit auf prägnante Art umschrieben. Sie lobte „das Lakonische, die Verknappung der Begriffe, den trockenen Humor und die tiefe Ernsthaftigkeit“. Aus dieser besonderen Kombination ist ein spannendes Gesamtwerk entstanden, das in vielen Museen des Landes zu Hause ist. Dazu kommen die öffentlichen Werke, mit denen sie sich ins Land eingeschrieben hat. Werke, die täglich von unzähligen Menschen gesehen werden, ohne dass sie immer mit der Künstlerin in Verbindung gebracht werden.  So wie die Worte über  dem Eingang der Kieler Uni-Bibliothek. Sie leuchten weiter. Nicht nur, wenn man sie liest. 

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