Steinbergkirche : „Das reinste Tollhaus!“

Ihr Wirbelbruch blieb zunächst unentdeckt: Elke Wenzel
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Ihr Wirbelbruch blieb zunächst unentdeckt: Elke Wenzel

Überfordertes Personal und fehlende Organisation: Eine Diako-Patientin fordert ein „offenes Wort“ über die Zustände in der Flensburger Klinik.

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19. Januar 2018, 13:59 Uhr

Sie kann kaum stehen und kaum sitzen, der Schmerz ist Elke Wenzel anzusehen. Glücklich ist die 54-Jährige, dass ihre Mutter sie mit ihrem Hund Paco in die kleine Wohnung aufgenommen hat, denn: „Wie sollte das alles sonst gehen?“

Es ist ein schöner Tag, kurz vor Weihnachten. Elke Wenzel stapft über eine Koppel: Hundespaziergang. Die zarte Frau rutscht aus, knallt auf ihren Rücken. „Da war Holland in Not.“ Und wäre nicht ein Passant vorbeigekommen und hätte den Rettungswagen gerufen – wer weiß. So aber landete die Patientin zügig in der Notaufnahme der Flensburger Diako. „Und dann ging das Ganze los.“

„Das Ganze“, das die zierliche Frau schildert, beschreibt auf der einen Seite das Elend einer Patientin, die auf Fürsorge angewiesen ist, und auf der anderen Seite die Not von Schwestern und Pflegern, die den herrschenden Ansprüchen offenbar nicht gerecht werden können. „Ich erzähl’ diese Geschichte hier nicht meinetwegen“, sagt Elke Wenzel. Sie selbst lässt sich inzwischen woanders behandeln. „Aber es muss doch mal angesprochen werden, was da läuft, damit sich etwas ändert!“ Elke Wenzel wartete lange in ihrem Bett in der Notaufnahme. Nach vier Stunden endlich folgte die Untersuchung: „Naja, wenn sie es so nennen wollen: Zwei Minuten, noch eine kurze Besprechung und schon wurde ich wieder nach Hause geschickt. Da saß ich dann in meinem Elend.“ Es war ein äußerst schmerzhaftes Elend, denn die Ärzte in der Zentralen Notaufnahme hatten einen Wirbelbruch übersehen. Erst Tage später, als ihr Hausarzt Elke Wenzel direkt aus seiner Praxis per Krankenwagen erneut in die Notaufnahme abholen ließ, entdeckten die Mediziner den Bruch.

„Wie kann es sein, dass die Ärzte in der Notaufnahme das übersehen haben?“, fragt sich die Patientin. Diako-Direktor Dr. Christian Peters verweist auf die gültigen Leitlinien der Gesellschaft für Unfallchirurgie. Die Patientin sei sachgerecht und in vollem Umfang untersucht worden, versichert er. Ein entsprechender Befund habe sich nicht ergeben. Aber: „Das korrekte Vorgehen in solchen Fällen ist die anschließende Kontrolle beim Hausarzt, der eine erweiterte Untersuchung veranlassen kann, wenn die Beschwerden andauern.“ Und so sei es in diesem Fall gelaufen. Wie in den Leitlinien vorgesehen, habe es eine erweiterte Untersuchung mit Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule gegeben. „Dabei wurde die Verletzung am zweiten Lendenwirbelkörper festgestellt. Als Folge wurde die Patientin stationär aufgenommen und die Behandlungsmöglichkeiten mit ihr erörtert.“

Elke Wenzel schnaubt: „Von wegen Behandlungsmöglichkeiten erörtern – nichts wurde mir gesagt. Ich wusste noch nicht mal, ob ich allein zur Toilette oder zum Duschen gehen könnte. Und die Station C4“, sagt sie. „An die werde ich mich wohl mein Leben lang erinnern. Was für ein Tollhaus!“ Das Personal sei komplett unorganisiert und überfordert gewesen. „Niemand schien zu wissen, wo was zu finden ist. “ Einmal hätten sich alle auf die Suche nach Baldriantropfen gemacht „und man konnte den Eindruck gewinnen, dass ein Leben davon abhängt“. Dann diese „ständige Warterei“. Mehr als einmal sei es vorgekommen, dass Schwestern mitten in ihrer Tätigkeit die Dinge vergaßen, die sie gerade eben tun wollten. „Einen Tee holen, zum Beispiel, der kam dann eben nicht. Oder direkt im Gespräch wurde ich gefragt, worum es denn nochmal ginge oder was ich eben gesagt habe.“ Elke Wenzel schüttelt den Kopf. Das könne ja alles mal passieren – aber in dieser Häufigkeit. Und als sie sich einmal erbrochen habe – „Das waren schon schlimme Schmerzen“ – und per Notknopf um Hilfe geklingelt habe, sei erst nach einer Viertelstunde jemand gekommen. „Was wäre passiert, wenn da jemand in Lebensgefahr gewesen wäre?“

Elke Wenzel berichtet viel, von sich selbst, von anderen Patienten. „Fahrlässig“ findet sie besonders die Sprachlosigkeit, „dass Dir nichts erklärt wird als Patient“. Sie erinnert sich an den Moment, als sie um ein Schmerzmittel bat und ohne weitere Erklärung Tropfen bekam. „Ich hab dann mal nachgefragt, ob da vielleicht Alkohol drin ist und tatsächlich, so war es. Aber kein Wort dazu. Nun stellen Sie sich mal vor, ich wäre ne trockene Alkoholikerin. Da hätte ich aber Jahrmarkt gehabt auf dieser Station.“

Christian Peters räumt ein, dass es Schwierigkeiten gegeben habe. „Die Station C4 wurde zum Zeitpunkt des stationären Aufenthaltes der Patientin tatsächlich gerade neu bezogen“, erklärt er. „Aufgrund eines außergewöhnlich hohen Patientenaufkommens liefen die Routinen bei der Pflege in der Tat noch nicht rund. Umzug und hohe Patientenzahlen trafen unglücklich zusammen und bedeuteten sowohl für die Patientin als auch für unsere Mitarbeitenden eine große Herausforderung.“ Inzwischen habe „das Team tatkräftig die organisatorischen Schwierigkeiten behoben“, versichert der Mediziner. Und: „Wir bedauern sehr, dass die Patientin mit der Behandlung in unserem Hause unzufrieden ist.“ Es ist weit mehr als nur Unzufriedenheit, die Elke Wenzel beschreibt. Sie ist „mit dem Thema Diako für alle Zeiten durch“.

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