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90-jähriger Geburtstag : „Das Leben muss mich geliebt haben“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bilanz eines erfüllten Lebens: Hans Braas ist ein Urgestein der Flensburger Gastronomie-Szene.

Die Begrüßung ist hart, aber herzlich. „Ich höre . . .“, ruft Hans Braas unvermittelt ins Telefon – und ist nicht zu überhören. Er thront in seinem Ohrensessel, sieht seinem Geburtstag, Geschenken und Glückwünschen entgegen. Wieder einmal. Es ist der Neunzigste.

Trubel ist unerwünscht am heutigen Tag. Zeit seines Lebens war das Motto des weit über die Grenzen Flensburgs bekannten Wirts: „Der Gast ist König“. Ihm war er stets zu Diensten. An seinem Ehrentag wird es anders sein. „Ich wünsche mir, dass möglichst wenige kommen“, sagt er, und es klingt nicht einmal schroff. Doch weiß man genau, ob er es wirklich so meint? „Doch, doch“, insistiert der Jubilar. „Ich war immer geradeaus und ehrlich. Etikette ist nichts für mich.“

Gefeiert wird also – voraussichtlich – im kleinen, familiären Kreis. Kaffee und Kuchen, das war’s. Selbst die legendäre Präsidenten-Creme, unverzichtbares Dessert in seinem Schlachthof-Restaurant, wird fehlen. Das Essen dort, in der gastronomischen Einöde des Flensburger Nordens, war so deftig wie die Sprüche des gelernten Schiffsbauers. Die gab es kostenlos dazu.

Keine Frage: Die Präsenz des Gastwirts mit Leib und Seele, sein Charisma war es, die sein Restaurant trotz der eigentlich aussichtslos anmutenden Ortslage so unvergleichlich machte. Von 1960 bis 1990 schwang Braas mit seiner Frau Hildegard im Schlachthof das Zepter, Willy Egehave tat das Gleiche mit dem Kochlöffel. Und zwar nach allen Regeln der Kunst. Seine Grünkohl-Kreationen sind unvergessen, nach ihnen lecken sich seine Gäste noch heute die Finger. Und dazu zählten nicht nur „Normalos“ von nebenan, die lokale Prominenz, Banker, Wirtschaftsbosse und die Werft-Direktion. Nicht nur chinesische Top-Unternehmer oder Box-Champion Max Schmeling. Auch bundesdeutsche Spitzenpolitiker ließen sich hier bewirten. Wie etwa die Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, „ein sympathischer Kerl“, dem er im Garten ein Pils zapfte, und Helmut Kohl – „ein Bulle mit menschlichen Zügen“. Den ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens schätzte Braas als „Gentleman mit charmanter Ausstrahlung“, während Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher in seinen Augen wie ein „Bürger“ daher kam, „lieb und nett“.

Nur an Uwe Barschel hat er eine nicht so gute Erinnerung. „Der war irgendwie arrogant. Aber man soll Toten ja nichts Böses nachsagen.“ Und dann war da noch die dänische Königin – auf die hat er trotz Anfrage verzichtet. „Weil zu viele Klugscheißer aus dem Rathaus bei der Ausrichtung des Festes mitschnacken wollten.“ Da hat er einfach „nein“ gesagt.

Braas ist kein Mensch, der sich anbiedert, das hat er nie getan. „Wenn jemand etwas Großes geleistet hat, respektiere ich das“, sagt er. „Aber deshalb muss er noch lange nicht mein Freund sein.“ Wahre Freunde schildern ihn als bisweilen nachtragend, aber als „ehrlichen Kumpel, mit dem man nicht nur Pferde, sondern auch Zigarren stehlen kann“. Dem Rauchen indes hat er abgeschworen, nur alle paar Wochen fingert er eine gute Havanna aus dem edlen Humidor.

Vom einfachen Kellner bis zum allseits geschätzten Chef. Hans Braas hat seinen beruflichen Werdegang in drei sorgsam gebundenen Bänden festgehalten. Darin unzählige Fotos, Zeitungsartikel und Dankesschreiben. „Ich habe mein Leben geliebt“, sagt er und strahlt dabei. „Aber das Leben muss auch mich geliebt haben, so schön wie es war.“

Und hat man mit 90 noch Wünsche? Hans Braas blickt aus dem großen Fenster seiner Wohnung in dem Servicehaus, in dem er seit einigen Jahren lebt. Lange überlegen muss er nicht. „Wenn ich wieder auf die Welt käme“, sagt er, „möchte ich wieder Kellner sein.“


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erstellt am 23.Okt.2013 | 07:45 Uhr

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