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Flensburger Tageblatt

19. Oktober 2017 | 21:03 Uhr

Musik in Flensburg : Das Leben ist ein Rap

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Aus den Erzählungen von Menschen mit Demenz hat der Flensburger Mattan Köster mit Stuttgarter Unterstützung die CD „Reminitenz“ gemacht

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2017 | 14:34 Uhr

Wenn er sich für eine Seite entscheiden müsste – Gangsta- oder seriöser Rap – würde sich Mattan Köster eher „zu den Netten“ zählen. Sein seltener Vorname deutet schon darauf hin, er kommt schließlich aus der Bibel. Der 27-jährige Flensburger wirkt zunächst zurückhaltend und gibt auch zu, dass er nicht so gut im Referate halten sei. Auf der Bühne als Rapper aber blüht er auf, da sei er „anders als sonst“, sagt er.

Mit dem nigerianischem Rapper Chidi Egwuom hat er sein musikalisches interkulturelles Netzwerk aufgebaut, „Friends in Flens“. In seinem derzeit wichtigsten Projekt heißt Köster aber „Mein Name ist Nase“. Zum Namen gibt es eine Geschichte: Um sich die Details von Organen und Krankheiten besser zu merken, habe er während seiner Ausbildung zum Altenpfleger Rap-Texte darüber geschrieben; sein erster Rap widmete sich der Nase.

Sein damit verbundenes Projekt ist der Grund dafür, dass er in seinem Beruf gerade nur in Teilzeit arbeiten „kann und muss“, sagt er. „Reminitenz“ ist der Titel seines ersten Albums und einer ganz besonderen CD. Die Rapsongs speisen sich aus Gesprächen, die Mitarbeiter des Stuttgarter Netzwerks „Demenz Support“ (dess) mit Menschen geführt haben, „von denen die meisten mit einer neurodegenerativen beziehungsweise kognitiven Beeinträchtigung leben“, so beschreiben sie es fachlich. Reminitenz vermählt die Begriffe Reminiszenz für Erinnerung und Renitenz für Widerstand und Rebellion.

Die Texte, die ihm zugesandt wurden, habe er so verändert, dass sie sich reimen und gut klingen, erläutert Köster. Per Email wurden sie solange hin und her geschickt, bis Protagonisten und Rapper einverstanden waren – aus den Lebensgeschichten wurden Rapsongs.

Mattan Köster, der schon „ewig“ rappt, wie er sagt, hat während seiner Ausbildung auch einen Song über Demenz geschrieben. Aus einem riesigen Bücherstapel zum Thema habe er nur eines gelesen, und zwar „Auf dem Weg mit Alzheimer“ von dem inzwischen verstorbenen Christian Zimmermann und Peter Wißmann. Köster hat es als „positives Buch“ in Erinnerung, es hat ihn zu seinem Song inspiriert. Den ließ er wiederum dem Autoren Wißmann zukommen. Dieser ist Geschäftsführer von „dess“ in Stuttgart – so kam der Kontakt zustande.

„Wir wollen zeigen, dass Menschen mit Demenz viel zu sagen haben und, dass man ihnen zuhören sollte“, findet der Flensburger. Der erste Videoclip zu „Ich bereue nichts“, bei dessen Dreh Köster viele der Geschichtenerzähler zum ersten Mal traf, spiegelt die volle Lebensfreude. Er sei gleich von den ersten Songs sehr angetan gewesen. Besonders beeindruckt habe ihn zum Beispiel die Erzählung „über Leistungsdruck und wie es ist, wenn man nicht mehr arbeiten darf“. Im Refrain von „Tanz aus der Reihe“ lautet eine Zeile: „... aber ich tanz’, Du bringst deine Leistung, ich bringe den Glanz“. Der 27-Jährige nennt auch die Geschichte des Pastoren mit Demenz, der beschreibt, wie er aufgewachsen ist und Menschen vor Drogen bewahrt hat. „Herr, lass mich größer wachsen“ heißt dieses Lied und soll beim Weltkirchentag in Berlin im Mai präsentiert werden. „Reminitenz“ wird auch auf der Leitmesse der Pflegewirtschaft im April in Nürnberg vorgestellt – und am 12. April im Kühlhaus in Flensburg zusammen mit Gospelsängern. „Ich hoffe, dass es ankommt“, sagt Mattan Köster.


Die CD „Reminitenz“, gefördert von der Gradmann - Stiftung, kostet 10 Euro. Bestellung und Informationen auf: www.demenz-support.de

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