Jahresrückblick Flensburg : Das Jahr der Baukräne

Bauen auf dem Bunker: In Sonwik entstehen hochwertige Wohnungen auf einer alten Bunkeranlage, die künftig als Garage genutzt wird.
Bauen auf dem Bunker: In Sonwik entstehen hochwertige Wohnungen auf einer alten Bunkeranlage, die künftig als Garage genutzt wird.

Flensburg wächst und wächst und wächst: Allein 2017 wurden 480 neue Wohnungen fertig / Das Wachstum geht im kommenden Jahr weiter

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30. Dezember 2017, 07:25 Uhr

Das Wachstum der Stadt reicht bis an den Rand der Redaktion. Aus dem sh:z-Newsroom konnte man zwei Jahre lang den Bau von vier Mehrfamilienhäusern hautnah verfolgen. Längst sind sie alle bewohnt. Wo man in Flensburg auch hinfährt oder hingeht: Bauzäune, Baukräne, Baufahrzeuge und Baustellen fallen ins Blickfeld.

Bis Mitte Dezember ist Flensburg um 1334 Einwohner gewachsen – allein in diesem Jahr. Fast vier Einwohner kamen damit an jedem Tag des abgelaufenen Jahres dazu. Und alle müssen irgendwo wohnen. Darum war 2017 das Jahr, in dem – statistisch gesehen – jeden Tag irgendwo eine Wohnung fertig, aber auch fast jeden Monat ein neues Bauprojekt auf den Weg gebracht wurde. 2017 war das Jahr des massiv verstärkten Binnenwachstums einer Stadt, die nur wenige Jahre von der magischen Großstadt-Grenze (100 000 Einwohner) entfernt ist – wenn auch nur nach der stadteigenen Zählung, während der staatliche Zensus, der von der Stadt gerichtlich angefochten wird, deutlich geringere Zahlen nennt.

Die Stadt muss dabei das Kunststück vollbringen, laufend zusätzlichen Wohnraum für Neubürger zu schaffen, ohne dabei die Wohn- und Lebensbedingungen der lange hier Wohnenden zu beeinträchtigen. Für den Chef der Stadtplanung, Peter Schroeders, der wie kein anderer im Rathaus für das bauliche Wachstum der Stadt innerhalb der bestehenden Grenzen steht, heißt das „Wachstum und Qualität“. Im kommunalpolitischen Alltag heißt das aber auch, dass einzelnen Konflikten mit betroffenen Anwohnern nicht aus dem Weg gegangen wird.

Beispiel Alte Gärtnerei: Hier sind Bewohner der benachbarten Bungalows an der Rabenslücke gerichtlich gegen die mehrgeschossige Bebauung vorgegangen. Die Stadt stand klar auf Seite der Alten Gärtnerei. In Tarup möchte ein privater Bauherr auf dem Grundstück des lange leer stehenden Supermarktes mehrstöckige Wohnbebauung errichten. Die Bewohner der benachbarten kleinen Reihenhäuser sind wenig angetan von dieser Idee. Das gilt auch für einige Bewohner der ehemaligen Ökohäuser am Goldregen. Sie mussten in den 90er Jahren eingeschossig bauen, schräg gegenüber an der Osterallee darf ein Kieler Investor fünf Geschosse direkt an den Straßenrand stapeln. Dort in Mürwik ist man gespannt auf die Qualität, die da kommen mag.

Das Rathaus ist voll auf Wachstumskurs. Darin ist sich die neue Oberbürgermeisterin mit dem alten Oberbürgermeister, dem Chef der Stadtplanung und der großen Mehrheit der Ratsversammlung einig. Wachstum bedeutet Mehreinnahmen, bessere Ausnutzung der Infrastruktur, mehr Bedeutung.

Doch es bedeutet auch mehr Straßenverkehr und weniger Grün in der Stadt. Zugegeben: Die meisten Bauvorhaben sind Ersatz für Altbauten auf ohnehin schon versiegelter Fläche – mit deutlich mehr Wohnraum als vorher. Oder Bauten auf ungenutzten Brachflächen mit höchstens ungepflegtem Gestrüpp.

Doch es wird immer wieder auch Grün geopfert. Jüngstes Beispiel: Die Mumm’sche Koppel, eine Kleingartenkolonie auf dem Sandberg. Gärten in unmittelbarer Nähe von Geschosswohnungen, in denen viele der Kleingärtner wohnen. Sie verlieren ihren Garten in Wohnortnähe. Am Wasserturm wurden vor einigen Jahren edle Wohnungen auf früheren Gärten gebaut. Am Drosselweg in der Nordstadt fand jetzt eine kaum noch genutzte Kolonie ihr Ende. Für den Bau des neuen Zentralklinikums Peelwatt wird eine regelrechte Gartenidylle mit Kleintierhaltung und allem Drum und Dran geopfert. Im Südosten der Stadt in Tarup werden seit Jahren landwirtschaftliche Flächen sukzessive in Wohngebiete samt Kita und Einkaufszentrum verwandelt. Und in dieser Ecke der Stadt steht im kommenden Jahr der Bau des Reststücks der berüchtigten K8, der Taruper Umgehungsstraße an – die wiederum neue Wohnbauflächen erschließen soll.

Einigen Ratsherrn geht auf, dass diese Grünflächen unwiederbringlich verloren sind. Sie sind nicht grundsätzlich gegen das Wachstum. Aber manches geht ihnen zu weit. „Wir können doch nicht alles zubauen!“, entfährt es da schon mal einem Kommunalpolitiker.

Allein 480 Wohneinheiten wurden in diesem Jahr in Flensburg fertig gestellt. 2015 und 2016 waren es zusammen 680. Die Wohnfläche dürfte 2017 um über 30 000 Quadratmeter gewachsen sein. 750 Wohnungen seien derzeit im Bau, teilt Frank Rolfes mit, im Rathaus zuständig für Urbanes Wohnen. Die 3000 Sozialwohnungen, die es derzeit gibt, sind manchem Politiker zu wenig. 202 sind in diesem Jahr aus der Sozialbindung gefallen, dafür 293 neue genehmigt worden.

Und ganz nebenbei ist für 2018 der Baubeginn für mindestens zwei Hotels geplant, ein weiteres Einkaufszentrum wird fertig, für eine von drei neuen Grundschulen dürfte der Grundstein gelegt werden. Ganz klar: In 365 Tagen wird man auf 2018, das Jahr der Bagger, zurückblicken können.

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