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Flensburgerin todkrank mit 17 Jahren : Das Herz, das auf sich warten ließ

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine junge Flensburgerin musste acht Monate auf der Intensivstation auf ihre Herztransplantation warten.

Das Jahr 2007 war ein sehr schlechtes Jahr für Sarah Angelina Gross. 2007 erkrankte ihr Herz unheilbar. Zu diesem Zeitpunkt, es war Sommer, war die Flensburgerin gerade 17 Jahre alt, und ihr Leben wechselte brutal die Perspektive. Sie hieß Herztransplantation oder Tod und hielt acht lange Monate für die junge Frau bereit, ehe im Juni 2008 ein Spenderherz gefunden war. Die ZDF-Journalistin Heike Kruse hat Sarah Gross für die Dokumentationsreihe „37 Grad“ seither begleitet. Am Dienstag, 4. Juli, 22.15 Uhr, zeigt das ZDF die Dokumentation unter dem Titel „Sarah und ihr fremdes Herz“.

Wer heute vor ihr steht, mag das Häufchen Elend nicht glauben, das sie vor zehn Jahren war. Es war damals eine nicht enden wollende Erschöpfung, die sich nach einer verschleppten langwierigen Grippeerkrankung eingenistet hatte. „Ich fühlte mich wie eine uralte Frau. Der Weg ins Badezimmer war wie ein Marathon, nach dem Zähneputzen musste ich mich erst einmal längere Zeit ausruhen.“ Damals wohnte Sarah am Nordergraben und ging in die 12. Klasse der Duburg-Schule. „Ich war kaum mehr da, aber ich hab’s einmal versucht. Ich brauchte fast anderthalb Stunden.“

Ende Juli wurde Sarah als Patientin in der Flensburger Diako aufgenommen. Auf der Kinderstation. „Ich war ja erst 17.“ Dass die rätselhafte Schwäche etwas mit einem todkranken Herzen zu tun haben könnte, stand nicht gleich im Fokus der Ärzte. „Das konnte sich bei einer so jungen Patientin wahrscheinlich auch niemand vorstellen“, vermutet sie. Da es der Patientin aber immer schlechter ging, wurde schließlich ein Kardiologe hinzugezogen. Es folgten eine Herzkatheter-Untersuchung in Kiel, eine Reha, keine Besserung und daher die erneute Überweisung in die Transplantationsambulanz der Uni-Klinik. Im Oktober 2007 hatten die Ärzte Gewissheit – und Sarah Gross auch. „Sie bleiben hier, bis Sie ein neues Herz haben.“

Ein neues Herz. „Das war ein unvorstellbarer Schock“, sagt Sarah. „Ich wusste ja gar nicht: Was passiert denn jetzt?“ Erst einmal nicht viel. Acht lange Monate würde sie, inzwischen 18, diese Intensivstation nicht mehr verlassen. Alles andere wäre unverantwortlich gewesen. Sarahs Herzleistung lag nur noch bei zehn Prozent.

Sie weiß immer noch nicht, wie sie das geschafft hat, ohne durchzudrehen. Eine gefühlte Ewigkeit des Wartens in der Ungewissheit. Neben ihr Hoffende, Sedierte, Sterbende, die kamen und gingen. „Eine Intensivstation ist kein schöner Ort“, blickt Sarah zurück. „Ich hab da viel erlebt.“ Angst spielte immer eine große Rolle. Gleichzeitig bildete die Station eine eigene kleine heile Welt. „Und jeden Tag hoffst du: Bitte, bitte, lass den Anruf kommen!“

Es kamen sogar sieben. Sieben Mal wurde ein Spenderherz avisiert. Sieben Mal wurde nichts daraus. Beim achten Mal hatte sie gerade ein Lakritz aus der Tüte geangelt, als die Stationsschwester sagte: „Das lass mal lieber sein. Heute gibt’s auch kein Mittag!“ Da war’s noch inoffiziell. Aber wenig später sagte ihr Herzchirurg Dr. Nils Haake: „Sieht alles gut aus. Wir machen das!“ Kurze Zeit später lag sie auf dem OP-Tisch. Sie hat diesen Moment später in ihren rechten Unterarm stechen lassen. Ein Tattoo mit dem Datum 26.  6.  2008 und einer EKG-Frequenzlinie dahinter. „Das Team vom ZDF war dabei, mein Bruder und mein Vater auch. Das war die beste Szene!“

Eine andere Szene musste sein. Notgedrungen. Abschied nehmen. „Superhart war das, aber es gibt keine Garantie, dass es klappt.“ Und wenn es nicht klappt, das musste sie Bruder und Eltern sagen, „dann möchte ich verbrannt werden“.

Das Erste, was ihr an ihrem neuen Herz auffiel, war, dass es so langsam war. 120 bis 160 Mal in der Minute hatte das alte geschlagen, jetzt waren es nur noch 60 bis 80 Schläge. Perfekt, aber es dauerte, bis sie mit dem neuen Herz glücklich wurde. Da waren die Albträume nach der OP, mit ihr als Mörderin. „Ich musste erst damit klar kommen, dass mein Glück am Tod eines anderen Menschen hängt.“ Die Rückkehr ins Leben war kein einfacher Weg. An der Duburg-Schule fühlte sie sich gemobbt; aber das erfolgreiche Abitur nach dem Wechsel ins dänische Apenrade spendete Kraft. Sarah treibt viel Sport, lebt diszipliniert und gesund. Sie studiert in Hadersleben Marketing und Kommunikation, beruflich möchte sie unbedingt in der Region bleiben, mit dem neuen Herzen hat sie ihren Frieden geschlossen. „Ich sehe das jetzt so: Jemand hat mir ein Geschenk gemacht, und ich bin sehr, sehr dankbar dafür. Ich habe dieses Geschenk angenommen.“

Für Heike Kruse war Sarah zehn Jahre lang mehr als nur ein Thema, das man als Wiedervorlage redaktionell begleitet. Ein komplettes Fernseh-Team war eng mit den Ereignissen um die Herzpatientin verbunden und stand mehr als einmal vor der Frage: Wie viel Nähe geht mit journalistischer Distanz? Die ZDF-Journalistin beantwortet die Frage mit ja. Es funktioniert – im Rahmen des Menschlichen. „Es gab Gänsehaut-Momente, und ich habe mir in manch einem Gespräch eine Träne wegdrücken müssen“, sagt Heike Kruse. Nein, Freundinnen seien sie nicht. Es ist aber eine sehr freundschaftliche Verbindung entstanden – sagen beide Seiten. „Wir haben alle, gerade in der ersten Zeit, darüber nachdenken müssen, was wohl wäre, wenn Sarah es nicht schafft“, sagt die Kieler Journalistin. „Ich kann nur sagen: Das hätte uns alle weggeblasen. Sarah ist nicht irgendeine.“

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erstellt am 30.Jun.2017 | 07:00 Uhr

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