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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Das grüne Wunder von Weiche

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1997 verließ die Bundeswehr die Briesenkaserne. Schon 1998 gab es erste Pläne für ein großes Wohngebiet. Die Grenzland-Kaserne war 1993 leer.

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erstellt am 27.Nov.2015 | 18:48 Uhr

Flensburg | Was haben die Hebbel-Stadt Wesselburen im Kreis Dithmarschen und die Gartenstadt Weiche gemeinsam? Die Einwohnerzahl, die bei rund 3000 liegt. Die Gartenstadt im Südwesten Flensburgs hat nicht erst mit ihrer Fertigstellung in diesem Jahr die Dimensionen einer kleinen Stadt erreicht. Sie ist ganz sicher eine Erfolgsgeschichte in der Stadtentwicklung der letzten 20 Jahre – und begann doch mit einem Drama. Der Truppenabzug nach der deutschen Vereinigung traf Flensburg Anfang der 90er Jahre wie ein Keulenschlag. Das Gros des Aderlass’ betraf damals die Briesen-Kaserne in Weiche auf dem Areal der heutigen Gartenstadt.

Die nach General Kurt von Briesen benannte Kaserne war kurz nach der Wiederbewaffnung in den Jahren 1957/58 errichtet worden. Sie war Heimat unter anderem des Jägerbataillons 381. 1991 waren die Tage des Bataillons und der Kaserne gezählt: Am 31. März 1997 verließen die Jäger, mittlerweile mit der neuen Zahl 511, die Kaserne. Noch im gleichen Jahr begann die Vermarktung der über 60 Hektar großen Liegenschaft; auch der benachbarte Truppenübungsplatz sollte gewinnbringend verkauft werden.

Das Wort der 90er Jahre war in Flensburg Konversion. Um die zehn Bundeswehr-Liegenschaften sollten konvertiert – zivilen Nutzungen zugeführt – werden. Die drei größten waren die Briesen-Kaserne, die Grenzland-Kaserne und der Marine-Stützpunkt. Die unterschiedlichen Interessen der Stadt und des Bundes führten häufiger zu verbalen Scharmützeln; der damalige Oberbürgermeister Olaf Cord Dielewicz fuhr zum Teil scharfes Geschütz auf und wetterte verbale Breitseiten nach Bonn und Berlin.

Auf Initiative des FDP-Bundestagsabgeordneten Jürgen Koppelin übertrug der Bund den Verkauf der Briesen-Kaserne an die Treuhand Liegenschaften-Gesellschaft (TLG) Berlin, die mit dem Verkauf der riesigen Liegenschaften der früheren Nationalen Volksarmee der DDR betraut war. Was im Osten funktionierte, müsste doch auch im Westen klappen. Doch Koppelin irrte, die TLG biss sich an der Briesen-Kaserne die Zähne aus und gab sie im November 1997 zurück. Jetzt kümmerte sich wieder die Oberfinanzdirektion Kiel um eine „weltweite Vermarktung“.

Das Ende vom Lied ist bekannt: Die „local heroes“ mussten es richten. In Geheimverhandlungen unter Ausschluss nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch der Ratsversammlung, tütete OB Dielewicz im Jahr 1998 einen Deal mit einem Konsortium Flensburger Unternehmer ein: Boy Meesenburg (Jacob Cement), Hermann Höft (Bauunternehmer) und Architekt Laust Lorenzen kauften die Kaserne – der Rest ist bekannt. Im September 1998 war alles in trockenen Tüchern.

Für seinen Coup musste sich der OB in der Ratsversammlung vor Verabschiedung der Baupläne heftige Vorwürfe für seine „Geheimdiplomatie“ anhören. Er wird es verschmerzt haben, und selbst seine schärfsten Kritiker dürften über die gefundene Lösung innerlich aufgeatmet haben. Doch es gab in jener Sitzung der Ratsversammlung vor allem Lob für den Mut der Investoren, sich dieser Herkulesaufgabe zu stellen. Rund 800 Einfamilien- und 280 Reihenhäuser für 2800 Einwohner sollten gebaut werden, es wurden am Ende 3000. Zuvor mussten Fahrzeughallen und weitere Gebäude – insgesamt fast 50 – abgerissen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Altlasten den Boden verseucht hatten, war groß. Im Sommer 1999 war der Bebauungsplan Nr. 226 beschlossen. Schon im Februar hatten die Investoren ihre Pläne für das Areal bei den Bau-Infotagen im Rathaus vorgestellt und waren auf enorme Resonanz gestoßen.

Weniger glatt verlief die Konversion der Grenzland-Kaserne. Sie stand schon ab 1. Oktober 1993 leer; die Vermarktung verlief äußerst schleppend, die Stadt favorisierte anfangs eine gewerbliche Nutzung und forderte die kostenlose Überlassung durch den Bund. Doch der wollte Geld und bemühte sich lange um einen Verkauf.

Schließlich trat der Schleswiger Bauunternehmer Siegfried Sindram auf den Plan, erwarb 1997 den Großteil der Kaserne und baute sie schrittweise ebenfalls in ein Wohngebiet um. Doch anders als in Weiche gab es im Norden der Stadt erhebliche Probleme, Klagen von Bewohnern über Baumängel und Defizite bei der Infrastruktur. Bis heute hat das Wohngebiet am Katharinenhof ein eigenes Stromnetz, weil die Stadtwerke sich bis heute weigern, es zu übernehmen. 17 Jahre nach Beginn der Arbeiten waren sie immer noch nicht beendet; dabei wurde beim Start das Jahr 2001 für die Fertigstellung benannt.

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