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Verkehrsplanung : „Das Gewerbe denkt vierspurig“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bürgeranhörung zum Thema Kielseng: Zweispurige Lösung wäre laut Gutachten kein Problem, findet in der Wirtschaft aber keine Zustimmung

shz.de von
erstellt am 08.Nov.2014 | 12:48 Uhr

Vielleicht hatte am Donnerstagabend im Europaraum des Rathauses jener Teilnehmer der öffentlichen Anhörung ja recht, der da meinte: „Diese Straße kriegen wir niemals schön!“ Dennoch: Man kann sie schlecht lassen wie sie sind, diese knapp vier Kilometer Ballastbrücke und Kielseng, die durch ein aufwendiges Kanalisationsprojekt schwere Kollateralschäden erlitten haben. Im nächsten Jahr soll dort wieder eine Straße sein, die diesen Namen verdient. Die Stadtplanung will von den Flensburgern wissen, wie sie die einstige Kalter-Krieg-Magistrale, für die schnelle Mobilmachung vierspurig gebaut, nach dem Wiederaufbau gerne hätten.

Diese erste Anhörung gab zumindest schon mal eine erste Orientierung. Gut 50 Gäste, überwiegend gewerblich tätige Anlieger, sprachen sich überwiegend für die Wiederherstellung als vierspurige Straße aus. Dies im Kontrast zur gutachterlichen Expertise der Verkehrsplaner vom BDC Dorsch-Consult, die eine zuvor bereits politisch diskutierte zweispurige Alternative durchgerechnet hatten. Auch eine zweispurige Ausführung, so BDC-Experte Gorden Rumpf, sei locker leistungsfähig genug. Selbst im Falle massiver Verkehrszuwächse. Doch diese Vorstellung wurde mit massiven Bedenken konfrontiert. Gewerbetreibende mit Tagesgeschäft (Tankstelle, Waschstraße, Kfz-Reparatur) sprechen von 20 Prozent Umsatzeinbuße, seit die Straße wegen der Baustelle zwangsläufig eine zweispurige sei. Alle verweisen auf die eindeutig gewerblich geprägte Landschaft am Fördehang. („Gewerbe denkt vierspurig!“) und deren noch lange nicht ausgelastetes Potenzial (zum Beispiel an der Harniskaispitze). Nicht zuletzt bereitet auch der Untergrund ernsthafte Sorgen. Seit das TBZ im Erdreich wühlt und neue Leitungen verlegt, scheint das Wasser im Fördehang neue Wege zu nehmen. Wiederholte Erdsenkungen haben die Straße schwer in Mitleidenschaft gezogen. „Es gibt große Schäden über einen großen Streckenabschnitt“, so Planungs-Chef Dr. Peter Schroeders. „Das wird eine tief greifende Sanierung.“ Ein Umstand, der den Ruf nach vierspurigem Ausbau noch lauter werden ließ. Angesichts des Untergrundes sei künftig von verstärkten Problemen auszugehen. Bei Zweispurigkeit seien regelmäßige Voll- oder Teilsperrungen – und damit das Verkehrschaos – programmiert.

„Ein ziemlich exklusiver Standpunkt“, fand Landschaftsplaner Martin Keßler, dessen Flensburger Büro ebenfalls die Diskussion begleitet und auswertet. Die Idee, Straßen vielspurig zu bauen, um den Störfaktor Bauarbeiten zu minimieren, musste einen Landschaftsarchitekten verstören. Allerdings musste auch Keßler erkennen: „Die Alternative, hier nichts zu machen, gibt es nicht. Diese Straße ist abgängig.“ Ganz gleich, wie viele Spuren die Straße (wieder) bekommen wird – ein paar Details sollten seiner Überzeugung nach geändert werden. „Sie ist schon eine ziemliche Zäsur.“ Für Fußgänger sei sie bisweilen eine kaum zu meisternde Hürde, besonders an den Bushaltestellen gegenüber Jacob Cement und Sonwik.

Im Forum hielt sich die eher resignierte Haltung, die Hangstraße werde es vier- wie zweispurig ohnehin nie zum Publikumsrenner bringen. Radfahrer und Fußgänger würden ohnehin den Weg direkt an der Wasserkante wählen. Verkehrsmessungen hatten an der Straße im Durchschnitt gerade mal 290 Radfahrer täglich gemessen. Knut Franck, langjähriger Vorsitzender im Bauausschuss, wagte ihre Großspurigkeit zwar in Zweifel zu ziehen. „Gäbe es sie nicht, würde kein Mensch auf die Idee kommen, sie vierspurig zu bauen!“, meinte er, ging dann aber auf Kompromisskurs. Mit vier Spuren könnte er leben. Und zwar für den Fall, dass dann oben auf dem Fördehang die Stadteinwärts-Achse über Fördestraße, Mürwiker Straße und Bismarckstraße beruhigt wird. „Da muss dann Tempo 30 hin!“

Dass dieser Diskussion noch eine ganz andere Dimension droht, steuerte Peter Schroeders bei: Angesichts der großen Schäden könne die Frage der Spuren schnell auch eine des Geldes werden. Der Quadratmeterpreis für eine Straße liegt bei 85 Euro. Und zwei ist nun mal die Hälfte von vier.

 

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