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Flensburger Tageblatt

18. Dezember 2017 | 14:22 Uhr

Schandfleck : Das Geisterhaus

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude Wrangelstraße 4 verfällt zusehends. Die Anwohner wollen den Eigentümer zum Handeln bewegen.

shz.de von
erstellt am 14.Sep.2013 | 07:00 Uhr

Die Wrangelstraße – eine der schönsten Straßen Flensburgs, wenn nicht die schönste überhaupt. Große Architektur wie an einer Perlenkette aufgereiht: Neorenaissance, Neobarock, Gründerzeit. Prachtvolle Kaufmanns- und Reeder-Villen, Kulturdenkmale, wie sie in dieser Häufung selten zu finden sind.

Doch ein Haus tanzt gewaltig aus der Reihe. Das Mehrfamilienhaus Nr. 4, unweit der Kreuzung Marienhölzungsweg, ist dem Verfall preisgegeben. Anwohner können diesen Zustand nicht länger ertragen, sie vermuten, dass der Eigentümer die Immobilie als Spekulationsobjekt missbraucht. „Früher hätten wir so ein Haus besetzt“, sagt Nachbar Gerhard Paul, „ hier und heute gibt es diese Klientel ja nicht mehr.“ Und es hört sich so an, als täte es ihm richtig leid.

Ein knappes Dutzend besorgter Hausbesitzer hat sich im Wohnzimmer von Kirsten und Jörg Casper-Stahl versammelt. Das Ehepaar wohnt direkt neben dem Geisterhaus – lange schon. Und sie werden immer wieder daran erinnert, wenn der Wind Teerpappe vom Dach des ungeliebten Nachbarn in ihren Garten weht. Wenn dunkle Gestalten das Gebäude umkreisen und mitunter darin verschwinden. Und sie kennen die Geschichte des Gebäudes, das mit seiner neugotischen Fassade unter Denkmalschutz steht.

Es ist 1885 errichtet worden und damit eines der ersten Häuser in der Straße gewesen. „Von 1925 bis 1937 war es eine Frauenklinik, im letzten Kriegsjahr wurde darin Flüchtlinge untergebracht“, erläutert Kirsten Casper-Stahl, deren Großmutter das Haus einst gehörte. Bis 1969 diente es als Wohngebäude, dann wurde es wegen starken Schwammbefalls an einen Makler verkauft. Seitdem sei es durch die Hände von fünf verschiedenen Eigentümern gegangen, berichten die Anwohner – vermietet seien 24 Einzimmerwohnungen gewesen. Über die zuständige Hausverwaltung wurde schließlich eine Präsentation an potenzielle Interessenten herangetragen, in der Pläne dargelegt werden, das gesamte Gebäude zu entkernen und hochwertige Eigentumswohnungen zum Kauf anzubieten. Bereits im Oktober 2010 sollte mit dem Umbau und Sanierungsarbeiten begonnen werden, heißt es in dem unserer Redaktion vorliegenden Schreiben. Bis heute ist davon jedoch nichts zu sehen – trotz Baugenehmigung.

Ein Anwohner hat das Innenleben mit seiner Kamera festgehalten. Es sind erschreckende Bilder. Hinter eingeschlagenen Fensterscheiben verrottete Fußböden, zertrümmerte Waschbecken, demolierte Duschen. Entrümpler sollen Nachtspeicheröfen aus dem Fenster geworfen haben, „Asbest wurde freigesetzt“, erinnert sich Jörg Stahl. Die Nachbarn berichten von Schlägereien, von Drogenabhängigen, die hier ein und ausgegangen seien. „Irgendwann trugen Behördenvertreter eine Aldi-Tüte gefüllt mit gebrauchten Spritzen heraus.“ Umweltpolizei, Bauordnung und Denkmalschutz gaben sich die Klinke in die Hand. Anfang 2012 soll der letzte verbliebene Mieter ausgezogen sein, seit etwa einem Dreivierteljahr sichert ein Bauzaun das Gebäude.

„Es ist mir peinlich, neben so einem Schandfleck zu wohnen“, sagt Johannes Falk. Gemeinsam ist den Nachbarn in erster Linie die Sorge, dass hier wertvolle Bausubstanz schleichend verfällt, bis das Gebäude nicht mehr erhaltenswert ist. „Wir alle investieren viel Geld in unsere Häuser“, sagt Gerhard Paul, „und die Nummer vier bricht vor unseren Augen regelrecht weg.“

Keiner mag mehr daran glauben, dass es noch etwas wird mit den versprochenen Eigentumswohnungen. „Das gesamte Gebäude wird auf dem neuesten Stand der Technik wieder aufgebaut. Die Fertigstellung ist zum 1. Februar 2011 geplant“, heißt es in besagter Präsentation. Von der Hausverwaltung gab es gestern keine Auskunft.

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