Widerstand in Flensburgs Nordstadt : Das Geheimnis des roten Unterrocks

Das Haus Schwarzental 1, in dem die Familie Jürgensen wohnte, ist die erste Station in Jens Christian Jacobsens Buch zum Widerstand im Flensburger Norden.
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Das Haus Schwarzental 1, in dem die Familie Jürgensen wohnte, ist die erste Station in Jens Christian Jacobsens Buch zum Widerstand im Flensburger Norden.

Der pensionierte Lehrer und Historiker Jens Christian Jacobsen stellt sein Buch mit Geschichten von Bürgern in der Nordstadt vor, die sich dem NS-Regime widersetzten. Es beschreibt einen Rundgang in Flensburg und Harrislee.

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05. Mai 2015, 11:30 Uhr

Flensburg | Der rote Unterrock auf dem Balkon war es, über den sich die damals achtjährige Hildegard Jürgensen stets wunderte. Er gehörte ihr, doch sie zog ihn nie an. Dass dieser Unterrock als Warnsignal für ihren Vater galt, der als Sozialdemokrat den Nationalsozialisten Widerstand leistete, erfuhr sie erst viel später. Immer, wenn die Gestapo das Haus durchsuchte, hängte Hildegards Mutter das rote Kleidungsstück im Schwarzental 1 auf die Wäscheleine. Siegmund Jürgensen und sein Freund Herrmann Christensen waren mit Wilhelm Schmehl und Amandus Lützen ein wesentlicher Teil des Widerstandsnetzes.

Diese ist nur eine Geschichte, die Jens Christian Jacobsen in seinem Buch „Widerstand im Flensburger Norden. Eine Stadtwanderung von Flensburg nach Harrislee“ aufgeschrieben hat. Das Buch beschreibt und bebildert einen Rundgang mit 19 Stationen, der im Flensburger Schwarzental beginnt und in der Hainstraße in Harrislee endet. Diese Stationen geht Jacobsen auch im Rahmen seiner Stadtteil-Führungen ab, die er auf Anfrage anbietet und die er je nach Interesse anpassen oder variieren kann.

Den Inhalt des Buches hat der pensionierte Lehrer seit Mitte der 1980er Jahre gesammelt. „Damals fing man an, die Nazi-Zeit vor Ort aufzuarbeiten“, erinnert er sich. Der 69-Jährige hat viel geforscht und mit einigen Familienmitgliedern gesprochen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Flensburger Arbeiterviertel wohnten. Seit 1993 hat Jacobsen Kontakt zu SPD-Mitgliedern, die sich den Nazis aktiv widersetzten. Einer von ihnen wohne immer noch im Schwarzental und werde bald 100 Jahre alt, erzählt Jacobsen. Durch die Sozialdemokraten hat er immer mehr Leute kennen gelernt, die ihm ihre Erinnerungen und Erlebnisse schilderten. Durch Archivarbeit und eigene Forschungen hat er diese überprüft – was ihn die eine oder andere Stunde beschäftigt hat. So erfuhr er auch die Geschichte von Hildegard Jürgensen – heute Hildegard Kliem – und was es mit dem roten Unterrock und ihrem Vater auf sich hatte.

Oder die von Hans Hansen. Dieser leistete als Emigrant von Kopenhagen aus Widerstandsarbeit für die SPD und organisierte beispielsweise den Aufbau von Kurierlinien nach Deutschland. Die Gestapo durchsuchte mehrmals das Haus von Witwe Magdalene Hansen in der Harrisleer Straße 43a. Hans Hansen konnte seine Familie deshalb nie besuchen, wenn er in Flensburg war. Die Gestapo versuchte, die Familie zu zermürben, worunter vor allem Mutter Magdalene litt. „Die Widerständler mussten Eltern und Geschwistern viel zumuten“, erzählt Jacobsen.

Die Flensburger Nordstadt war ab 1933 das Umfeld für das widerständische Verhalten. Widerstand leisteten vor allem die Arbeiter, die in dem Werft-Stadtteil lebten. Sie organisierten sich hauptsächlich in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung mit Gewerkschaften, Genossenschaften und vielen Vereinen.

Die dänische Minderheit konnte dagegen ein weitgehend eigenes Leben führen. „Das war zu jener Zeit etwas Besonderes und galt als der einzige Rückzugsraum“, stellt Jacobsen fest. Für linke Parteien sei es attraktiv gewesen, die Kinder auf dänische Schulen zu schicken. Die Nationalsozialisten in Flensburg, denen die dänische Minderheit ein Dorn im Auge war, wollten dieses „Privileg“ unterbinden, doch Adolf Hitler duldete es. Er wollte öffentlich als friedfertig erscheinen.

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