Förde-Tourismus : „Das Gegenprogramm zu Halligalli“

Hafen und Altstadt von oben: Flensburg wird immer mehr zum Ziel von Städtetouristen, vor allem auch aus Skandinavien.
Foto:
1 von 2
Hafen und Altstadt von oben: Flensburg wird immer mehr zum Ziel von Städtetouristen, vor allem auch aus Skandinavien.

Wie Flensburgs neuer Tourismus-Chef Gorm Casper die Urlaubsregion an der Flensburger Förde weiter voranbringen möchte

shz.de von
10. Juni 2014, 14:20 Uhr

Herr Casper, obwohl Flensburg kein klassischer Tourismusort ist, verzeichnet die Stadt einen erstaunlich positiven Trend bei den Übernachtungen. Woran liegt das?

Die runderneuerte Fußgängerzone ist wirklich die schönste in Nordeuropa, die Leute schwärmen von der Flensburger Innenstadt, und mit dem optisch stark aufgewerteten Hafenpanorama hat Flensburg Fjord Tourismus ein wesentlich attraktiveres Stadtbild bereits erfolgreich vermarkten können. Natürlich macht sich auch der besonders bei dänischen Gästen hoch im Kurs stehende Weihnachtsmarkt bemerkbar. Und da wir einen Anteil von 40 Prozent bei den Geschäftstouristen haben, bringt eine positive Konjunkturentwicklung auch unsere Übernachtungszahlen in Flensburg nach oben. Zudem boomt Städtetourismus allgemein.

Was hat sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren denn verändert? Die historische Substanz und das Panorama gab es ja schon vorher.

Eine klare Zäsur ist 2008. Mit der neuen Fußgängerzone ging es steil bergauf, vor allem bei den Dänen. Und: Wer im Winter 2005 am Hafen stand, hat einen leeren Hafen gesehen. Jetzt ist dort das ganze Jahr über sehr viel Leben, mit den klassischen Yachten, mit dem vollen Museumshafen. Da ist ein Diamant entstanden. Deshalb hat Flensburg das ganze Jahr über eine sehr gute Grundauslastung. Aber die Geschäftstouristen bringen sowieso eine gute Basis.

Ab Juli starten Sie als Flensburger Tourismus-Chef. Was kann man noch besser machen?

Wir haben Kapazitätsprobleme im Sommer: also, dass man wirklich kein Bett mehr findet. Wir brauchen also mindestens ein neues Hotel so schnell wie möglich, am besten ein zweites. Damit hätten wir ein ganz großes Problem gelöst. Das erhöht zudem den Druck auf einzelne Anbieter, auf dem Hotelmarkt zu renovieren.

Das entzieht sich aber Ihrem Einfluss.

In unserem Einflussbereich müssen wir die Profile schärfen, Glücksburg, Harrislee und Langballig in Richtung Aktivurlaub, Flensburg weiter in Richtung Städtetourismus, mit seiner Altstadt mit seinen zwei Rum-Museen an beiden Enden und einem wunderschönen Hafenpanorama und seinem skandinavischem Gepräge. Das können unsere Wettbewerber hier in Schleswig-Holstein nicht.

Wer sind denn die Konkurrenten?

Beim Städtetourismus ist es ganz klar Lübeck, im Ostsee-Bäderbereich sind es Damp und Eckernförde und die Lübecker Bucht. Dort ist aber auch mehr Halligalli als die netten, entspannten Möglichkeiten, die man hier an den Stränden hat. Für Städtetouristen haben wir ja auch Strand und Baden im Hintergrund.

Gibt es zuwenig nette, kleine Unterkünfte in der Stadt?

Es gibt sicherlich einige...

...in den Innenstadthöfen zum Beispiel...

...ich kenne viele von denen. Davon müsste es am liebsten noch mehr geben. So lange die Auslastung gut ist, fehlt der Druck bei manchen Vermietern zum Renovieren. Wer frustriert nach Hause fährt, hinterlässt negative Kommentare in irgendwelchen Foren, und die Leute informieren sich heute so umfassend im Internet, dass man wirklich davon abhängig ist, was die Leute sagen.

Warum reicht uns Strand und Baden im Hintergrund?

Im Städtetourismus im Hintergrund! Für das Umland sind das die zentralen Themen. Das maritime Erleben, aber vor allem Strand und Baden, ist etwas, was die Leute im Urlaub ganz hoch hängen...

...und sowohl das Ostseebad als auch Solitüde sind binnen Minuten aus der Innenstadt erreichbar...

....eben, oder Holnis oder Wassersleben – und normalerweise ohne Parkprobleme. Das ist etwas, was ganz viele Konkurrenten nicht haben. Altstadtbummel ist das Zweitwichtigste, was die Leute machen wollen. Und beides am selben Urlaubsort vorzufinden, ist natürlich optimal. Für schlechtes Wetter ist wichtig, dass wir Programm haben. Da haben wir auch für Familien mehr zu bieten als den Bummel in der Altstadt: Sumsum oder Phänomenta zum Beispiel.

Wie kann man denn die Saison verlängern?

Im Umland ist die Hauptzielgruppe mit Kindern außerhalb der Ferien kaum noch da. Also muss man für andere Zielgruppen Alternativangebote schaffen. Für Aktivurlaub einen Kletterpark einzurichten oder eine Mountainbike-Strecke durch den Wald wird hier nicht alle begeistern. Da muss man entscheiden, ob man das will. Aufmerksamkeit erregen muss man dann durch Events. Förde-Crossing, Ostsee-Man oder Champions-League-Sieger – dadurch kann man die Marke Flensburger Förde aufladen.

Was kann man am Marketing verbessern?

Die Dänen zum Beispiel haben Frühjahrsferien in der 7. und 8. Kalenderwoche. Das ist eine Möglichkeit, die in größerer Zahl herzubekommen. Dann gibt es ein ganz zentrales Datum, an dem drei Millionen Dänen erfahren, dass sie ihre Steuer wiederbekommen. In der Woche danach glüht das Internet, weil alle Dänen ihre Reise bestellen. Das müssen wir nutzen.

Wie hoch ist das Wachstumspotenzial Flensburgs, ohne bei Timmendorfer Strand zu landen?

Das ist ja der Witz. Wer aus Hamburg in die Lübecker Bucht will, fährt in den Stau. Wir haben trotzdem nicht den Massenansturm. Wir haben eine mediterrane Atmosphäre, sowohl in Glücksburg-Sandwig als auch im Flensburger Beach Club, wenn man abends über den Hafen in den Sonnenuntergang guckt. Das ist einzigartig, weil dieser maritim-historische Charakter einfach nicht zu kopieren ist. Das können auch Rostock und Lübeck nicht. Wir haben das Potenzial für eine entspannende „Dänische Südsee“-Atmosphäre: Das ist das Gegenprogramm zu Halligalli. Mit diesem „hyggeligen“ Stil werden wir für Flensburg speziell die dänischen Kunden ansprechen. Der dänische Gast ist heute schon so stark vertreten, dass manche Restaurants bis zu 90 Prozent dänische Auslastung haben.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen