Schleswig/Kropp : Das fliegende Auge des Pastors

Die Schleswiger Dreifaltigkeitskirche von oben - aufgenommen vom 'Video-Kopter'.
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Die Schleswiger Dreifaltigkeitskirche von oben - aufgenommen vom "Video-Kopter".

Hergen Köhnke aus Kropp hat ein außergewöhnliches Hobby: Er fotografiert mit einem selbstgebastelten Mini-Hubschrauber Kirchen aus der Luft.

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24. April 2013, 07:14 Uhr

Schleswig/Kropp | Auf diese Fälle ist Hergen Köhnke bestens vorbereitet. "Warte mal kurz, ich bin gleich wieder da", sagt er und lässt den kleinen Jungen für einen Moment im Vorgarten stehen. Schnell sprintet er zu seinem alten Ford Transit, der auf der anderen Straßenseite steht, greift gezielt in den Kofferraum und ist eine Minute später mit einer Mappe unterm Arm wieder da. "Hier hast Du eine Postkarte von Schleswig. Hab’ ich selber gemacht. Und wenn Du mehr sehen willst, dann besuch’ mal meine Homepage", sagt er und drückt dem Jungen neben der Karte gleich noch einen kleinen Flyer in die Hand. Der freut sich sichtlich und staunt dann weiter über dieses "coole Ding", das da vor ihm auf dem Rasen steht und vor sich hin blinkt und piept.

Wenig später schwebt dieses Ding knapp 100 Meter über den Köpfen der inzwischen drei neugierigen Kinder - und Hergen Köhnke ist mittendrin in seinem Element. Denn der Pastor aus Kropp ist passionierter Hobbyfotograf. Allerdings mit einer kleinen Besonderheit: Er schießt seine Fotos am liebsten aus der Vogelperspektive, mit Hilfe eines ferngesteuerten und zum Großteil von ihm selbst gebauten Mini-Hubschraubers, einem sogenannten Quatro-Kopter.

"Das ist ganz normal. Man wird ständig angesprochen", sagt Köhnke mit Blick auf die Kinder und steht dabei völlig unbeeindruckt inmitten einer Szenerie aus Technik-Zubehör, die tatsächlich bei jedem Passanten zwangsläufig Fragen aufwirft. Diesmal hat er sich den Schleswiger Stadtteil Friedrichsberg ausgesucht, um ein paar neue Schnappschüsse für seine Foto-Sammlung zu machen. Dazu hat sich der 54-Jährige, die Sonne im Rücken, in besagtem Vorgarten rund 150 Meter vor der Dreifaltigkeits-Kirche postiert und macht seinen fliegenden Foto-Roboter Marke Eigenbau wie im Schlaf startklar: Auf einem Stativ sitzt eine Video-Empfangsanlage samt Stromversorgung, Monitor und zwei Antennen, in der Hand hält Köhnke eine große Fernbedienung, die er mit einem Gurt um den Hals gesichert hat. Davor steht der kleine Hubschrauber im Gras. "Bevor es losgeht, muss ich aber erst noch telefonieren", sagt der Pastor und zieht sein Handy aus der Tasche. Er befinde sich, durch die Nähe zum Jageler Fliegerhorst, in einem kontrollierten Luftraum, da müsse er erst beim Tower anrufen und Bescheid sagen, wann und wo er fliegt. "Aber die kennen mich schon, das ist kein Problem", sagt Köhnke. So kommt aus Jagel auch gleich das Okay und zwei Minuten später hat sich das fliegende Auge im Himmel oberhalb der Kirche postiert und macht automatisch alle drei Sekunden ein Foto.

Köhnke gibt sich währenddessen große Mühe, die technischen Details seines Quatro-Kopters auch einem Laien einigermaßen verständlich zu erläutern - auch wenn seine Fernbedienung parallel dazu ständig per Sprachfunktion mitteilt, wie hoch der Hubschrauber gerade fliegt und wie viel Spannung noch in der Batterie ist. Unter anderem werde das Gerät mit Hilfe von sechs GPS-Satelliten an seiner Position gehalten, ein Chip speichere 25 Flugdaten pro Sekunde, die kleine Kamera sei kardanisch ausgerichtet. Spätestens an diesem Punkt kann derjenige, der nicht gerade technik-affin ist, nur noch schwer nachvollziehen, was Köhnke in seinen Flugroboter, dessen Gesamtkosten er auf etwa 3000 Euro schätzt, so alles an- und eingebaut hat. So viel allerdings ist klar: Das kann nicht jeder.

"Ich war schon als Kind technikbegeistert, habe ständig ’rumgetüftelt und eigene Schaltungen aufgebaut", erzählt Köhnke. Schon mit zwölf Jahren habe er seinen ersten Computer bekommen, "noch mit Schiebeschaltern und Drähten, die man zusammenstecken musste". Lange habe es deshalb auch so ausgesehen, als ob er eines Tages Physik oder Chemie studieren würde - auch weil er an einem technischen Gymnasium in Ostholstein sein Abi tur machte. Am Ende ist es dann aber - nicht nur zur Überraschung seiner Lehrer - Theologie geworden. "Ich war immer in der Kirche aktiv, das hat mir stets viel Freude bereitet", sagt Köhnke und fügt mit einem Lächeln an: "Unter anderem war ich bei Jugenddiskos für die Technik zuständig." Es sei letztlich wohl eine Fügung gewesen, dass er sich dazu entschieden habe, Pastor zu werden.

Seine Leidenschaft für Technik hat er sich dennoch bewahrt - auch wenn die Beziehung zwischen Physik und Theologie in den vergangenen Jahrhunderten nicht immer frei von Konflikten war. "Aber ich finde, es schließt sich nicht aus, auch wenn die meisten meiner Kollegen eher keine Technikfreaks sind", sagt Köhnke. Er hingegen ist einer - ohne Zweifel. Als er vor gut fünf Jahren einem seiner Söhne einen ferngesteuerten Hubschrauber schenkte war er es am Ende der Vater, der sich am meisten darüber freute. Daraus entwickelte sich eine echte Leidenschaft. Längst ist der vierfache Vater, der seit Ende 2010 in Kropp tätig ist, Teil einer Community, die sich im Internet über Tipps und Tricks rund um das Thema fliegende Kameras austauscht, er schreibt einen eigenen Internet-Blog zu dem Thema und veröffentlicht auf seiner Homepage Fotos und Videos. In erster Linie stehen dabei - und da schließt sich der Kreis - seine Lieblingsmotive im Vordergrund: "Kirchen natürlich". www.video-kopter.de

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