Kleiderkammer Flensburg : Das Ende einer Begegnungsstätte

Letzte Handgriffe vor dem letzten Ansturm: Katrin Grigo (vorn) und Elke Lützow vom Verein „Flensburg hilft grenzenlos“ gestern in der Kleiderkammer am Bahnhof.
Letzte Handgriffe vor dem letzten Ansturm: Katrin Grigo (vorn) und Elke Lützow vom Verein „Flensburg hilft grenzenlos“ gestern in der Kleiderkammer am Bahnhof.

Gestern öffnete zum letzten Mal die Kleiderkammer am Bahnhof – der Verein kann die monatlich erforderlichen 700 Euro nicht aufbringen

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31. Januar 2018, 12:12 Uhr

Seinen zweiten Geburtstag im Februar erlebt der Verein Flensburg hilft grenzenlos e.V. nicht mehr. Er befindet sich in Auflösung. So hat es die Mitgliederversammlung beschlossen. Gestern öffnete die vom Verein betriebene Kleiderkammer im linken Gebäudeteil des Hauptbahnhofs zum letzten Mal.

Der Grund für das Aus ist das Geld. Man habe sich um eine langfristige Finanzierung bemüht. „Wir haben es versucht, aber keinen Weg gefunden“, bedauert Heike Schneider. Sie ist die Kassenwartin und war mit dem Vorsitzenden Dirk Dethlefs für die Kleiderkammer verantwortlich. Die Bahn als Vermieterin der Räume sei zwar entgegengekommen, sagt Schneider, aber dennoch betragen die monatlichen Kosten rund 700 Euro. Mit 32 Mitgliedern sei der Verein klein und von Spenden abhängig. Verlässlichkeit sei trotz großer Einmalspende nicht gegeben. Schweren Herzens sei die Entscheidung gefallen.

Entstanden ist die Kleiderkammer im Herbst 2015, als Tausende Flüchtlinge in Flensburg strandeten. Elke Lützow, Gründungsmitglied des Vereins, hatte von der Not gehört, als sie gerade in Dänemark Urlaub machte. Zunächst, so erzählt die Flensburgerin, habe sie zum Bahnhof gebracht, was „explizit verlangt“ wurde – vom Kissen fürs Baby bis zur Ikea-Tragetasche. Dann dachte sie: Warum nicht selbst helfen und gehört zum Kern von 15 Helfern, die auch am letzten Tag Kunden begrüßen, Blusen sortieren, Hosen entgegennehmen. Anders sei nur, sagt Lützow, „dass wir heute nicht kontrollieren“.

Luci (19) ist mit ihrer Mutter Irena zum ersten Mal hier und stöbert bei den Pullovern. Die insgesamt achtköpfige Familie ist vor vier Jahren aus Tirana vor der Mafia nach Deutschland geflohen, sagen beide. Irena ist dankbar: Ihr Mann arbeitet, ihre Tochter wird Restaurantfachfrau, die drei Kleinsten gehen zur Schule, Kita und zum Schlachthof. Irena arbeitet an einem Projekt für muslimische Frauen.

Zu den Adressaten der Kleiderkammer zählten neben Flüchtlingen auch Hartz-IV-Empfänger und Obdachlose. Die Namen wurden erfasst, Nummern ausgegeben, damit es gerecht zugeht. „Jeder wollte der Erste sein“, sagt Elke Lützow lächelnd. Auch war geregelt, wie viele Artikel pro Erwachsenem und Kind in welchem Zeitraum mitgenommen werden durften.

„So, wie wir das hier gemacht haben, ist das einzigartig“, findet Heike Schneider. Denn das Angebot war für alle Bedürftigen offen und kostenlos. 400 bis 500 Menschen haben es Monat für Monat genutzt. „Die, die jetzt verlieren, sind die Bedürftigen. Ich glaube, dass wir in der Kleiderkammer viel mehr gemacht haben als Kleider ausgegeben.“ Schneider kommt der minderjährige afghanische Junge in den Sinn, der am Rolltor, wo die Spenden ankamen, jedes deutsche Wort aufsog. Jetzt lebt er in der Familie einer Helferin und hat einen Ausbildungsplatz.

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