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Flensburger Tageblatt

18. Dezember 2017 | 19:50 Uhr

Das Dilemma mit zwei Ehefrauen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Leev nah Stünnenplan“ – Premiere an der Niederdeutschen Bühne riss das Publikum zu Lachanfällen hin

shz.de von
erstellt am 19.Okt.2015 | 12:11 Uhr

Lehrer und Schüler kennen das: Der beste Stundenplan gerät in Gefahr, wenn plötzlich unvorhersehbare Ereignisse eintreten. Dem Bremer Taxifahrer Klaus Bruns ergeht es ähnlich: Sein Leben ist streng nach Tag- und Nachtschichten geregelt, im Kalender mit kryptischen Abkürzungen strategisch strukturiert. Alles muss präzise für sein genussvoll gelebtes Dolce Vita mit zwei Ehefrauen ablaufen.

Doch der persönliche „Stünnenplan“ pikanter Art läuft dem Bigamisten organisatorisch völlig aus dem Ruder, als er einer alten Dame (als Elfriede Jelinek, der umstrittenen österreichischen Literatur-Nobelpreisträgerin, benannt) bei einem Raubüberfall helfen will. Diese hält ihn ebenfalls für einen Übeltäter – und Bruhns kriegt „von de ole Schachtel düchtig een mit de Handtasch bipult“! Damit ist der Stundenplan hinüber, das Bigamistenschicksal nimmt seinen verhängnisvollen Verlauf…

Das Premieren-Publikum im gut besuchten Stadttheater wurde mit dem fabelhaften Bühnenbild sensibel, fast schon sinnlich auf das neue Stück der Niederdeutschen Bühne NDB „Leev nah Stünnenplan“ eingestimmt: Leicht psychedelische Musik, Tapeten im schrill bunten Flower-Power-Look der 70er mit Lava- und großer Freischwingerlampe bilden den Verständniskontext. Abgebildet ist ein Wohnzimmer, das sowohl von Martina (Ehefrau Nummer eins) als auch von Beate (Nummer zwei) parallel genutzt wird.

Ohne räumliche Trennung fließen die eigentlich separaten Handlungsstränge übergangslos ineinander über – und bilden damit exakt die Irrungen und Wirrungen ab, in denen sich der Protagonist Bruns bei der Vertuschung seines Treibens immer mehr verliert. Es bereitet große Freude, die daraus entstehenden Missverständnisse zu verfolgen, wenn die Ehefrauen plötzlich zu Geliebten des besten Freundes oder zu Nonne oder Transvestit werden, Bruns und sein Kumpel Ralf Gärtner sich als homosexuell geoutet sehen. Das Publikum litt unter Lachanfällen und dankte mit reichlich (Szenen-)Applaus.

Die Komödie von Ray Cooney („Run for your wife“ im Original) stammt aus dem Jahr 1983 und wurde in London zehn Jahre am Stück aufgeführt. Es bedient, mitunter etwas klischeehaft, die typisch britischen Topoi moderner Komödien und akzentuiert leicht frivol das Thema Sexualität. Dass dabei der Aspekt (möglicher) Homosexualität immer noch zu Lachstürmen reizt („Hallöchen!“), verwundert ein wenig, liegt jedoch überwiegend in der intelligent konstruierten Situationskomik und im ausgezeichneten Spiel des Ensembles begründet.

Und das war sehr professionell! Bent Larsen als Bigamist Klaus Bruns und Sven Misch als sein Freund Ralf Gärtner überzeugten generell sowie mit wiederholt köstlich ausgespielten Szenen, zum Beispiel mit den herausgerissenen oder gegessenen und wieder ausgespuckten Zeitungsartikeln. Charakterstark die Performance der beiden Ehefrauen Anke Olsen (als Martina) und Dörte Jurascheck (als Beate), ideal als gegensätzliche Typen angelegt, die zudem Respekt für ihre leicht bekleideten Auftritte verdienen. Ralf Behrens und Rolf Peter Petersen gefielen als Vertreter des Gesetzes, die so ihre Probleme mit dem kriminalistischen Durchblick haben. Perfekt flatterhafte Komik lieferte Stefan Marxen als Reporter und vor allem als sexual anders orientierter Nachbar Norbert Dreux-Selle.

Völlig verdient belohnte Intendant Rolf Petersen Ensemble und Stage Crew mit roten Rosen für die an humorvoller Turbulenz kaum zu übertreffende Inszenierung. Ulrich Herold, verantwortlich für die ideenreiche Regie, war bei seiner Premiere übrigens nicht dabei: Er war wenige Stunden zuvor Vater geworden – irgendwie das perfekte Passstück für ein gelungenes Theater-Event. Ach ja: Und wie löst Klaus Bruns sein bigamistisches Dilemma? Das verrät die NDB in der nächsten Aufführung am 25. Oktober im Stadttheater.


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