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Zu Gast in Flensburg : Das China-Experiment in Mürwik

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Familie Kruse nimmt über die Festtage eine chinesische Gaststudentin auf und bringt ihr die norddeutsche Lebensweise nah

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2016 | 09:00 Uhr

Gestern Musical-Besuch im Theater, heute Teenager-Geburtstag und morgen Silvesterfete: Bei Familie Kruse ist gerade mächtig viel los. Und mittendrin ist Chuying Huang. Die 20-Jährige lebt mit ihren Eltern in Nanjing im südlichen China und studiert seit knapp drei Jahren im nordchinesischen Changchun in der Provinz Jilin. Ein Austauschjahr verbringt Chuying derzeit an der Uni Würzburg, für das sie sich erfolgreich beworben hat. Und damit sie Weihnachten und Neujahr fern der Lieben kein Heimweh im Studentenwohnheim bekommt, erlebt sie die Zeit in einer Gastfamilie. Die Vermittlung verläuft mit Hilfe des Vereins Experiment e.V., der nächstes Jahr 85-jähriges Bestehen feiert. Noch nicht ganz so lange, aber auch schon über drei Jahrzehnte ist Ingrid Martensen Ansprechpartnerin vor Ort für Flensburger. „Durch das Zusammenleben lassen sich am besten Vorurteile abbauen“, gibt Martensen die Idee des Gründers wider.

„Chuying ist unsere dritte Studentin“, sagt Gastmutter Wiebke Kruse und schwärmt: „Es ist so toll, sich die Welt nach Hause zu holen – und heute noch wichtiger als zuvor.“ Die Kruses denken dabei auch immer an ihre eigenen drei Mädels, die im dänischen Schulsystem schon erste Berührung mit einer anderen Kultur bekommen. „Ich kann jedem nur empfehlen, Türen zu öffnen, um den Kindern zu vermitteln, gegenüber jedem offen zu sein“, wirbt die dreifache Mutter. „Was wir machen, ist die kleinste Geschichte“, sagt sie mit Blick auf die Möglichkeit, auch Gaststudenten für mehrere Monate oder ein Jahr aufzunehmen.

Chuying studiert Germanistik, weil sie gern Sprachen lernt, sagt sie. Zusammen mit ihrem Vater habe sie die Weltmeisterschaften 2010 und 2014 verfolgt. Ihr Fazit über die deutsche Fußball-Mannschaft fällt deutlich aus: „Sehr Hammer!“ Diese Eindrücke, der Rat ihrer Mutter und eine Tante, die Deutschlehrerin ist, haben sie in ihrer Studienwahl bestätigt. Jetzt nach nicht mal drei Jahren spricht Chuying hervorragend Deutsch. Zu Weihnachten hat die 20-Jährige ihre Gastfamilie zudem mit ihrem Gedächtnis verblüfft. An beiden Abenden seien ungefähr 16 neue Gesichter und Namen hinzugekommen – und am nächsten Morgen konnte Chuying alle richtig zuordnen, berichtet Wiebke Kruse. Das schaffe die Familie manchmal selbst nicht, kontert keck die achtjährige Gastschwester Molly.

Die Festtage bei den Kruses fand sie „sehr sehr toll“, sagt Chuying, „alles ist in Harmonie.“ Man esse zusammen, spiele – „das ist eine Familie“, habe sie gedacht. Ihre Familie sei ebenfalls groß; als sie Kind war, lebten alle noch zusammen in ihrem Geburtsort. Inzwischen jedoch lebten die Verwandten im Land verteilt, alle seien sehr beschäftigt und man sehe einander nur ein, zwei Mal im Jahr. „Es gibt nicht so viel Umweltverschmutzung“, ist ihr hierzulande aufgefallen, „die Luft ist sehr frisch, alles ist ordentlich.“ Sie könne sich schnell an eine neue Umgebung gewöhnen, sagt Chuying, während sie „typisch chinesisch“ barfuß durchs Haus läuft und ein Stück vom Berliner nascht.

Ihre Gastfamilie beschreibt die junge Chinesin als selbstständig und überaus offen – auch beim Essen. „Sie probiert alles“, staunt Wiebke Kruse. Und Chuying korrigiert: „Außer Petersilie.“

Die zweite Gaststudentin war eine ganz andere Persönlichkeit. Sie kam aus Peking und verlief sich in Flensburg, erinnern sich die Kruses. Mit ihrem Großvater habe die Chinesin daheim nie am selben Tisch gesessen, geschweige denn gesprochen, erfuhren sie von ihr, nur weil sie ein Mädchen war. Dennoch habe der Aufenthalt in Deutschland dem Mädchen die Augen geöffnet, wissen die Kruses aus einem Brief. Der Kontakt ist abgebrochen, zur ersten Gaststudentin hingegen besteht er weiterhin. Die Brasilianerin, die 2014 bei den Kruses zu Hause war und etwa die Freiheit genoss, unbeschwert in Flensburg den Bus zu nehmen, kommt am 2. Januar sogar zu Besuch.

Dann ist Chuying schon wieder nach Würzburg unterwegs. Bis dahin erwartet sie noch das Treffen um Mitternacht mit der Nachbarschaft auf der Kreuzung und die Sitte des Rummelpott-Laufens zu Silvester. „Wir haben ihr noch gar nicht erklärt, was da auf sie zukommt“, sagt Wiebke Kruse.

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