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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Das Bohlwerk und die „Bombenleger“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine alternative Lösung für den Hafen: Die „Hippies“ übernehmen alte Schiffspier und schaffen mit dem Museumshafen dort ein maritimes Zentrum.

Flensburg | Die Gäste im Nebenraum des „Schwarzen Walfisch“ orderten vornehmlich Getränke. Für Essen war gesorgt. Es war der 29. September 1979 abends, und die sechs, sieben Herren in legerer Runde hatten eine Vereinsgründung vor. Daran wäre kaum etwas auszusetzen gewesen, hätte nicht Rainer Ullrich, einer der Teilnehmer, während seiner Anreise in Husum zwei, drei Pfund Nordseekrabben erworben. Und während die Männer in Flensburgs ältester Gastwirtschaft Krabben pulend die Gründung des Museumshafens vorantrieben, verbreitete sich auch der intensive Duft der Krebstierchen, bis es dem Wirt zu viel wurde. Hätten die Gäste das Donnerwetter nicht ausgesegelt, indem sie eiligst die stinkenden Schalen entsorgten – wer weiß, was aus dem heutigen Schmuckstück an der Flensburger Schiffbrücke sonst geworden wäre. Aber es kann sich ja ein jeder überzeugen. Es ist noch einmal alles gut gegangen. Damals.

Damals kam in der alten Bundesrepublik frischer Wind auf. Die erste Nachkriegsgeneration drängte auf die Bühne, stark geprägt durch die deutsche Studentenbewegung der 60er Jahre, den tiefen Wunsch nach gesellschaftlichem und politischem Wandel. „Das waren wir, die langhaarigen Bombenleger“, grinst Günther Wulf, und er grinst breit. Mit Recht – zumal in der Rückschau. Die von der Mehrheit argwöhnisch beäugten Hippies hatten eine Vorliebe für Vehikel, mit denen sonst niemand mehr etwas anfangen konnte. Viele der segelnden Fahrzeuge der Fischer, Händler und Behörden, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit zunehmender Motorisierung unwiederbringlich in Richtung Abwrackwerft gedrängt wurden, fanden bei den „langhaarigen Bombenlegern“ die letzte Rettung.

In Flensburg sorgte das Grüppchen bald für Aufregung. Die Schiffe der Gründungsväter – der Besanewer „Anna Lisa“, der Haikutter „Frieda“, der Kutter „Tykke Ven“, der Zollkutter „Dora af Raa“, der Schoner „Nordlys“ und die Galeass „Gulle“ – hatten im abgelegenen Freihafen ihre Liegeplätze, doch hatten die Schipper einen Blick auf den Präsentierteller am gegenüber liegenden Ufer geworfen, wo das alte Flensburger Bohlwerk vor sich hin gammelte. „Die Stadtwerke als Hafenbetreiber wollten es mit Steinen zuschütten“, erinnert sich Wulf. Aber dazu kam es nicht.

Bevor dieser historische Flensburger Anlegeplatz zerstört werden konnte, lagen schon die Schiffe des Museumshafens dort. Es entwickelte sich ein zähes Tauziehen zwischen Stadt und Bohlwerksbesetzern, die geschickt ihre Karten spielten. „Wir zahlen nichts, wir machen alles selbst – und wir schaffen für Flensburg eine Attraktion. Das waren unsere Argumente“, so Wulf, der 1982 Geschäftsführer wurde und ab 1984 mit seinem Partner Rainer Prüß als langjährigem 1. Vorsitzenden ein wohl erwogenes Konzept an der Schiffbrücke umsetzte. „Unser Vorbild war ganz klar der Museumshafen in Oevelgönne. Den gab es da schon seit zwei Jahren.“

Die jungen Traditionsschipper sorgten schnell für Leben auf der Brücke. Schon 1980 erfanden sie die Rumregatta, die heute das wichtigste Treffen segelnder Traditionsfahrzeuge in Nordeuropa ist. Im selben Jahr kamen die „kleine Schwester“ der Rum Regatta – die Apfelfahrt – und 1981 der Grogtörn (Regatta des harten Kerns) hinzu. Zur ersten Rumregatta am Himmelfahrtswochenende 1980 kamen immerhin 30 Traditionsschiffe, heute sind bis zu 130 Gaffelsegler von deutschen und skandinavischen Küsten in Flensburg zu Gast.

1984 wurde das Bohlwerk saniert – übrigens mit Holz des kurz zuvor unter großer öffentlicher Empörung abgebrochenen Kanalschuppens, es folgten in schneller Abfolge der Einzug ins Vereinshaus am Herrenstall 11 und der Wiederaufbau des Hafenkrahns von 1726. Spätestens nach dessen Fertigstellung im Jahr 1991 hatte Flensburgs historischer Hafenplatz mit dem im alten Zollpackhaus residierenden Schifffahrtsmuseum einen einmaligen maritimen Erlebnisort, den sich 1980 wenn überhaupt nur die Idealisten von den lecken Teereimern mit den ollen Plünnen vorstellen konnten. Der zögerlichen Haltung der Stadt in den Anfangsjahren steht heute pünktlich zur Rumregatta jedes Himmelfahrtswochenende eine vieltausendfache Abstimmung mit den Füßen gegenüber. Die einmalige Mischung alter Segelschiffe, knarziger Musik und verwegener Sangesdarbietungen zieht Zehntausende Besucher. Schietig ist schön!

Ein unbestreitbares Nebenverdienst der Vereinsgründung ist deren Strahlkraft. Weil das Projekt Museumshafen so gut funktionierte, wurde im Kielwasser der alten Segelschiffe durch andere Enthusiasten der Salondampfer „Alexandra“ vor dem Verschrotten gerettet, wurde das Dampf Rundum erfunden, kamen ab den 90er Jahren die klassischen Segelyachten und zwei klassische Werftbetriebe, wächst eine kleine Sammlung von historischen Motorschiffen, gilt Flensburg neben Hamburg als bundesweit bedeutendstes maritimes Zentrum der traditionellen Seefahrt und entpuppten sich die langhaarigen Bombenleger von einst in Wahrheit als Bewahrer einer Kultur, die ohne sie wahrscheinlich untergegangen wäre. Was aus zwei, drei Pfund Nordseekrabben doch alles werden kann  . . .

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erstellt am 18.Okt.2015 | 13:00 Uhr

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