„True Warriors“ im Kino 51 Stufen : Das Attentat in der letzten Reihe

Film ab: Qais Hatefi (Mitte) neben Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel und einem Schauspieler der Azdar-Gruppe.  Fotos: True Warriors
1 von 2
Film ab: Qais Hatefi (Mitte) neben Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel und einem Schauspieler der Azdar-Gruppe. Fotos: True Warriors

Der Flensburger Student Qais Hatefi hat als Übersetzer beim Dokumentarfilm „True Warriors“ mitgewirkt – und Leben gerettet

walther-antje-20170915-75r_6556 von
12. Januar 2018, 06:48 Uhr

Der Kollege an der Kasse ist erkrankt, Qais Hatefi springt für ihn ein. Eine Viertelstunde nach Vorstellungsbeginn schließt er die Kasse, begibt sich auf den Weg zum 20 Meter entfernten Saal. Bevor er sie öffnen kann, fliegt ihm die Tür um die Ohren.

„True Warriors“ heißt der Dokumentarfilm über den Anschlag bei einer Theaterpremiere in Kabul, das Chaos danach, den Kampfgeist der Künstler. Das Kino 51 Stufen zeigt den Film an drei Tagen; am Sonntag sind auch die Regisseure und Qais Hatefi dabei, um mit dem Publikum über den Film zu reden.

Hatefi hat Glück am 11. Dezember 2014, als sich der Attentäter, zwischen 15 und 17 Jahre alt, mit Sprengstoffgürtel in die letzte Reihe im Saal des französischen Kulturzentrums in Kabul setzt und die Premiere des Stücks „Herzschläge – Die Stille nach der Explosion“ in einer Katastrophe enden lässt. Ein Deutscher und ein Afghane sterben, mehr als 35 der 300 Zuschauer werden verletzt. Es hätte mehr Opfer geben können, wenn nicht Qais in Sekunden die richtige Entscheidung getroffen hätte. „Rennen oder reingehen“ – das sei ihm durch den Kopf gegangen, und er kann nicht mehr sagen, warum er direkt in die Hölle läuft. Er öffnet eine große Nottür und einen weiteren Notausgang hinter der Bühne, erzählt er. Der gebürtige Kabuler kennt sich aus im französischen Kulturzentrum – zum Zeitpunkt des Anschlags war er dort Pressesprecher, insgesamt vier Jahre lang. Zuvor hat er nebenan im Lycée Esteqlal seine Schule abgeschlossen. Für das Kulturzentrum hat Hatefi die Events im Saal organisiert, den Sicherheitsbehörden mitgeteilt, wie viele Besucher erwartet werden, sich um Journalisten gekümmert.

Manche Gäste der provokanten Premiere der Theatergruppe Azdar halten den Knall zunächst für einen besonders realistischen Effekt, bis Gerüche sie ahnen lassen, dass die Explosion echt ist. Qais Hatefi kämpft sich durch den Rauch im Saal, bringt mit einem Kollegen die Verletzten raus. „Wir haben normale Autos auf der Straße gestoppt“, erinnert sich der junge Mann und erklärt, dass man in Afghanistan eine Stunde auf einen Krankenwagen warten kann. „In 15 Minuten waren alle Verletzten im Krankenhaus.“ Für den Anschlag habe die Taliban die Verantwortung übernommen, die schon früher die Aktivisten und Künstler bedroht hatte.

Ursprünglich, erzählt der 26-jährige Afghane, war er nach dem Anschlag in seiner Heimat auf einer touristischen Reise in Europa, um wieder zu sich zu kommen. Doch auf dem Heimweg warnte ihn seine Familie, dass er bedroht werde. Er kehrte um. Anschläge sind für ihn nichts Neues: Allein in der Nachbarschaft des Kulturzentrums habe es binnen zwei Jahren drei Explosionen gegeben.

Seit fast drei Jahren lebt er inzwischen in Flensburg, seine Eltern und seine Geschwister mittlerweile in Süddeutschland. Für ihn habe sich der Traum erfüllt nach Frieden, Recht, Bildung. Hatefi macht seinen zweiten Bachelor nach dem ersten in Kabul; er studiert European Cultures and Society an der Europa-Universität Flensburg. Seit einem halben Jahr arbeitet er als offizieller Übersetzer für die Arbeiterwohlfahrt. Das sei nicht leicht, aber wichtig. Als Beruf schwebt ihm etwas anderes vor: „Ich bin ein Fan vom Journalismus“, er könne sich im Anschluss einen Master in einem weiteren europäischen Land vorstellen und will sich sozial engagieren. „Ich mag Reisen“, sagt er, seine sprachlichen Fähigkeiten (Farsi, Pashtu, Englisch, Französisch, Urdu, Deutsch) helfen dabei. Auf Deutsch drückt er sich differenziert aus, durchdringt Dinge in jungen Jahren.

Die Theatergruppe Azdar, deren Mitglieder der Dokumentarfilm begleitet, hat sich ein Jahr lang versteckt. Inzwischen ist sie seit fast einem Jahr in Deutschland auf Tour. Heute ist „True Warriors“ zum ersten Mal in Flensburg zu sehen; Qais Hatefi hat die Untertitel übersetzt und kommt als Erzähler vor. Premiere war in Hamburg. „Die Geschichte war wieder vor meinen Augen. Ich habe viel geweint, mich aber auch gefreut, dass die Menschen eine Idee bekommen, wie schwer es ist, ein Aktivist, ein Künstler zu sein“, blickt der Flensburger Student zurück und lobt die Art, wie die beiden Regisseure und das Team Dokumentation und Fiktion vermengen. Das Attentat wird mit Videoaufnahmen der Überwachungskamera gezeigt.

Afghanistan sei kein sicheres Land, sagt Hatefi. Die Taliban habe mehr Land unter Kontrolle als 2014, es gibt Isis und 18 weitere terroristische Gruppen. Der 26-Jährige kann die politische Argumentation nachvollziehen: „Deutschland kann nicht alle Welt aufnehmen.“ Aber er hofft, dass es legale Wege gibt nach Europa und Fluchtursachen angegangen werden. Es sei viel klüger, wenn Flüchtlinge mit dem Kapital, das sie sonst Schleusern überlassen, in den Neuanfang investieren.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen