Große Straße 75 : Das älteste Dach der Stadt

Originalgetreu: Die Zimmerer Sven Kulka, Jelle Holm und Daniel Bolinski sanieren das Fachwerk an der Nordwand des Hauses. Foto: fotos: staudt
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Originalgetreu: Die Zimmerer Sven Kulka, Jelle Holm und Daniel Bolinski sanieren das Fachwerk an der Nordwand des Hauses. Foto: fotos: staudt

Rarität in Flensburg: Hamburger Wissenschaftler bestätigen, dass im Dachstuhl des Hauses Große Straße 75 Eichenholz von 1431 verbaut worden ist

shz.de von
10. Mai 2012, 06:07 Uhr

Flensburg | Es gibt zwei mögliche Erklärungen: "Der Dachstuhl ist wiederverwendet worden von einem Vorgänger-Bau oder einem anderen Haus." Datiert sei er jedenfalls auf das Jahr 1431, sagt Denkmalpfleger Henrik Gram. Damals endete der Krieg - um das Herzogtum Schleswig zwischen dänischem Königshaus und den schauenburgischen Grafen - mit dem Fall der Duburg, die sich den holsteinischen Truppen ergaben. "So alte Häuser haben wir in Flensburg nicht", sagt Gram über das Gebäude mit der Adresse Große Straße 75. Das Institut für Holztechnologie und Holzbiologie der Hamburger Universität hatte dem Dachstuhl aus Eichenholz Proben entnommen und diese analysiert. Und das "eindeutige" Ergebnis lässt den Denkmalpfleger erstaunen. Der Befund sei stadtgeschichtlich und architektonisch von Bedeutung. "Deshalb wird das alles originalgetreu wiederhergestellt", erklärt er.

Die Teile des Fachwerks aus Kiefer stammen hingegen aus dem Jahr 1584 oder sind kurz darauf im Holzständerhaus verbaut worden. Schon als solches sei es eine Rarität mit den durchgehenden Stützen, die von der Erde bis zur Decke reichen und nicht geteilt sind. Henrik Gram nennt Schrangen und Nordertor, die in eben diesem Zeitraum Ende des 16. Jahrhunderts ebenfalls erbaut worden sind. Das war die Zeit, als Flensburg als Handelsstadt unter dänischer Krone aufblühte - "mit 5000 Einwohnern und 200 Schiffen" sogar "größer und bedeutender als Kopenhagen oder Hamburg" wurde, wie das Internetportal der Stadt Flensburg schreibt.

Eine jüngere Geschichte hat buchstäblich in der Nummer 75 in der Großen Straße den Stein ins Rollen gebracht: Fluchtartig verließen die Bewohner am 10. August 2011 ihr Zuhause. Denn ihm drohte Einsturzgefahr. Die Nordfassade sollte saniert werden, Bauarbeiter lösten einen Stein, und das Gebäude geriet in Bewegung. Es gebe sehr wohl eine "natürliche Setzung", weiß Jelle Holm. Doch die Nummer 75 "steht schräg", und zwar - wahrscheinlich auf Naturfundament mit Feldsteinen - um 30, 40 Zentimeter, schätzt der Zimmerer. Er und seine beiden Kollegen einer Fachfirma sanieren das Fachwerk natürlich originalgetreu mit alten Holzverbindungen, Schlitz und Zapfen. "Das Fachwerk ist statisch wirksam und wird es bleiben", betont Jelle Holm. Helles neues Kiefernholz und ergraute alte Balkenteile greifen bereits an vielen Stellen der nördlichen Hauswand ineinander; einen Teil des Dachstuhls stabilisiert schon eine dauerhafte Dreieckskonstruktion.

Auch einen guten Teil der alten Ziegelsteine im Klosterformat, die zwischen den Balken eingesetzt werden, sind gerettet - nach "Tauchbad und Abflammen". Bauunternehmer Bernd Carstensen berichtet, dass er auf den historischen Ziegeln ebenso historische Abdrucke von Hunde- und Katzenpfoten entdeckt hat. Er vermutet, dass die Ziegel zum Trocknen flach auf dem Boden gelegen haben müssen und währenddessen Tiere darüber gelaufen sind. "Ein komisches Gefühl", räumt Carstensen ein angesichts der kuriosen Entdeckung.

Wohl noch vier bis fünf Wochen, überschlagt Jelle Holm mit Bernd Carstensen, werden die Bewohner das Hämmern in ihrem historischen Heim erdulden müssen. Die praktische Arbeit habe erst vor einem Monat begonnen; ihr voraus gingen tragende Analysen zu Statik und Substanz. Viel sei über die Jahrhunderte in dem charmant verwinkelten Gebäude verändert worden, zum Beispiel Deckenhöhen, erläutert Henrik Gram. Nun werde die Sanierung der nördlichen Seite vollendet, um die Stabilität des schiefen Hauses wiederherzustellen. In anderen Fachwerkteilen als den unteren sieht der Denkmalpfleger vorerst keinen Handlungsbedarf. Doch prüfende Blicke werden die Fachleute sicherheitshalber auch darüber hinaus wagen.

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