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Flensburger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 16:54 Uhr

Aufruf : Das Abenteuer Pflegefamilie

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vanessa und Thomas Christiansen haben ein Kind zur Pflege bei sich aufgenommen – für sieben weitere sucht die Stadt zurzeit ein neues Zuhause

shz.de von
erstellt am 08.Aug.2014 | 15:00 Uhr

Die kleine Johanna* war ein Wunschkind – und doch unterscheidet sich der Weg vom Wunsch bis zum Kind bei Vanessa und Thomas Christiansen grundlegend von einer Schwangerschaft. „Wir hatten zwei Frühgeburten, das Risiko wollten wir nicht ein weiteres Mal eingehen, aber trotzdem noch ein drittes Kind haben“, berichten die 27-Jährige und ihr 41 Jahre alter Ehemann.

Die leiblichen Töchter sind mittlerweile sechs und vier Jahre alt, der Abstand zu ihnen sollte nicht zu groß sein. Und nachdem klar wurde, dass für eine Adoption hohe Hürden zu überwinden sein würden, entschlossen sich beide, ein Pflegekind anzunehmen. Der erste Schritt war einfach. Die Christiansens meldeten sich beim Flensburger Pflegekinderdienst.

„Nach der Kontaktaufnahme gibt es ein erstes gemeinsames Info-Gespräch mit den Bewerbern“, erklärt Beatrix Walter-Reincke, Diplom-Sozialpädagogin beim Pflegekinderdienst. „Wir machen darüber hinaus immer auch Hausbesuche, um ein besseres Bild von deren Lebensverhältnissen zu bekommen.“ Die potenziellen Pflegeelternpaare müssen Führungs- und Gesundheitszeugnisse vorlegen, psychische Krankheiten sind ebenso ein Ausschlusskriterium wie bereits in Anspruch genommene Erziehungshilfen, so Walter-Reincke. „Und auch schon vorhandene leibliche Kinder könnten mit einem Pflegekind ihre Probleme haben.“

In einem dreiteiligen Vorbereitungsseminar werden die zukünftigen Pflegefamilien dann auf ihre Aufgabe vorbereitet. „Die Pflegekinder haben bei den leiblichen Eltern häufig viel Stress und große Belastungen erlebt“, so Walter-Reincke. „Die Pflegefamilie muss diesen speziellen Bedarf des Kindes tragen können, sie muss bereit sein, viel zu geben und eventuell nur wenig zurück zu bekommen.“ Sehr wichtig für den Kontakt mit den leiblichen Eltern der Kinder sei es, dass die Pflegeeltern ein tieferes Verständnis dafür entwickelten, dass Eltern sich in bestimmten Situationen nicht um ihre Kinder kümmern können. Besonderer Knackpunkt: Es gibt keine Garantie, dass das Kind für immer bleibt. „Wenn sich die Situation der leiblichen Eltern stabilisiert, dann ist eine Rückführung – auch nach Jahren – möglich und rechtlich eventuell erforderlich.“ Denn diese behalten das Sorgerecht für ihre Kinder, wenn sie freiwillig einer Abgabe des Kindes in eine Pflegefamilie zustimmen. „Und das ist in den meisten Fällen so.“

Regelmäßige Besuche der leiblichen Eltern bei ihren Kindern sind ohnehin vorgesehen. „Wir wünschen uns einen entspannten Kontakt zwischen den Eltern und den Pflegeeltern, eine Akzeptanz auf beiden Seiten, so dass das Kind für sich erkennen kann, dass es zwei Familien hat und nicht in einen Loyalitätskonflikt kommt“, erklärt Beatrix Walter-Reincke. In der Realität sei dies nicht immer einfach.

Als Pflegeeltern werden klassische Familien im Alter zwischen 35 und 45 Jahren bevorzugt, in denen ein Elternteil den Tag über zu Hause ist. „Wir sind überhaupt nicht altmodisch, aber diese Kinder brauchen einfach ein großes Bindungsangebot.“ Auch ohne eigene Kinder und Trauschein können Paare, die in einer gefestigten Beziehung bereits einige Jahre zusammengelebt haben, Kinder in Pflege nehmen, in seltenen Fällen kommen alleinerziehende Mütter infrage.

„Flensburg hat einen funktionierenden Pflegeelterndienst, die Familien bekommen eine kontinuierliche Beratung und Unterstützung“, so Walter-Reincke. Eine Pflegeelterngruppe trifft sich regelmäßig zum Austausch, es werden Fortbildungen zu Themen wie Verhaltensauffälligkeiten oder Traumatisierungen angeboten.

Bei den Christiansens ging alles ganz schnell: „Wir hatten gerade erst den ersten Teil des Seminars hinter uns, als im Juni 2013 der Bescheid kam, dass für ein kleines Kind Pflegeeltern gesucht werden“, erzählt Thomas Christiansen. Der Hintergrund war das sehr junge Alter der Mutter und ihr Mangel an Reife für die Betreuung und Erziehung eines Kleinkindes, erklärt Beatrix Walter-Reincke. „Sie muss noch sehr viel lernen und sich zunächst einmal besser um sich selbst kümmern.“ Eine Rückkehroption gibt es im Moment nicht. „Die Mutter ist einsichtig und froh darüber, dass ihre Tochter in guten Händen ist.“

Ein weiteres Kinderzimmer hatten Vanessa und Thomas Christiansen bereits eingerichtet, „neutral, wir wussten ja vorher nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird“. In einer dreiwöchigen Kennenlern-Phase besuchten beide die damals gut drei Monate alte Johanna bei der vorübergehend eingesprungenen Bereitschaftspflegefamilie. „Die leibliche Mutter war auch ein Mal dabei, sie war sehr kooperativ, wir wurden gleich alle warm miteinander.“

Wie bei einer nahenden Geburt habe man anschließend darauf gewartet, dass das Kind kommt. „Es ist dann ein Gefühl wie bei einem eigenen Kind, das innere Annehmen geht ganz schnell.“ Am 28. Juni vergangenen Jahres war es soweit, die Christiansens holten Johanna ab. „Es war eine sehr emotionale Situation“, erinnert sich Vanessa Christiansen.

Johanna ist heute ein Jahr und fünf Monate alt, ein fröhliches Kind, das während des Gesprächs neugierig das Zimmer inspiziert und hin und wieder den Kontakt der Pflegeeltern sucht. „Sie passt immer noch ein bisschen auf uns auf und sucht die Bestätigung, dass wir bleiben“, sagt Vanessa Christiansen. Allein gelassen werden mag Johanna nicht. „Selbst wenn ich am Morgen kurz auf dem Hof nach unseren Tieren schaue, muss ich sie immer mitnehmen.“

Nicht für alle Kinder in schwierigen Lebensumständen läuft es so gut wie für Johanna. „Bis heute sind in diesem Jahr in Flensburg 52 Kinder in Kurzzeit- und Bereitschaftspflege gegeben worden“, sagt Beatrix Walter-Reincke. Ungefähr ein Drittel wurde in Pflegefamilien vermittelt oder befindet sich in der Vermittlung. „Aktuell werden dringend Familien für sieben Kinder gesucht.“ Für das kommende Vorbereitungsseminar im September sind noch Plätze frei. „Wir hoffen, dass sich weitere Bewerber melden.“
* Name des Kindes geändert

 

Informationen beim Pflegekinderdienst Flensburg: Beatrix Walter-Reincke, Tel.: 0461-852822, eMail: adoption-und-pflegekinder@flensburg.de

 

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