Ein Brite in Flensburg : Darf es ein Fünf-Uhr-Tee sein?

Teatime: Alistair Tarwid (59) hat in seiner Wohnung am Hafendamm reich aufgetischt. Foto: Michael Staudt
Teatime: Alistair Tarwid (59) hat in seiner Wohnung am Hafendamm reich aufgetischt. Foto: Michael Staudt

Als Flensburger mit britischem Pass verbindet Alistair Tarwid ein besonderes Verhältnis mit dem englischen Kult-Getränk

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18. Juli 2012, 08:42 Uhr

Flensburg | In der Sommerserie "24 Stunden Flensburg" begeben wir uns an die unterschiedlichsten Orte der Stadt - jeweils für eine Stunde. Heute Teil 16: Zum Tee bei einem Briten in Flensburg.
Es schlägt 17 Uhr. Wenn der gemeine Deutsche seinen bereits zweiten Pott Bohnenkaffee geleert hat, heißt es bei dem Engländer allenthalben: "It’s teatime". Dann wird ganz gepflegt ein Tässchen Earl Grey serviert, selbige mit leicht abgespreiztem kleinen Finger zum Mund geführt. Dazu ein wenig Gebäck. Auch bei Alistair Tarwid in seiner Wohnung am Hafendamm?
Der Brite lebt gefühlt seit Ur-Zeiten, real seit 33 Jahren in Flensburg. Der Liebe wegen kam er hierher und ist inzwischen weit davon entfernt, sich der Tradition seiner Heimat sklavisch zu beugen. "Es muss nicht immer ein Five O’Clock Tea sein", sagt er. Das Leben sei heutzutage zu hektisch, der Arbeitstag zu lang, um sich an solche Regeln halten zu können. Immer dann, wenn der 59-Jährige Ruhe und Entspannung braucht, schenkt Alistair Tarwid sich eine Tasse ein. "When in doubt, brew up." Gemäß dieses Mottos, das in großen Lettern auf einem seiner Geschirrhandtücher steht, pflegt er seine Teekultur. "Wenn du Zweifel hast, brühe dir einen Tee auf." Mindestens sechs Mal am Tag ist das der Fall.
Es ist angerichtet. Auf seinem ewig langen Wohnzimmertisch, flankiert von mächtigen Bücherregalen, hat Tarwid neben einer Kanne mit "Yorkshire Gold" (sieben Minuten gezogen) weiße Tassen, eine Thermoskanne mit heißem Wasser und ein Schälchen mit Zucker drapiert. Die Kanne wird von einer Haube, dem "Tea-Cosy", warm gehalten. Ein Stövchen ist verpönt.
Ganz wichtig: Milch darf nicht fehlen. In England ist es eine fast philosophisch diskutierte Frage, ob zuerst der Tee eingegossen wird - oder aber die Milch. Der Flensburger ist ein Anhänger von "Milk-in-first" (Mif). "Dann kann ich sehr schnell feststellen, wie stark der Tee ist und kann entsprechend reagieren."
Er gießt heißes Wasser nach - und doziert: "Den Afternoon Tea gibt es seit etwa 1840." Die Herzogin von Bedford habe seinerzeit nie bis zum Dinner warten können. Für den Hunger zwischendurch habe sie Brot, Butter, Kuchen - und eben Tee - auffahren lassen und sich so mit ihren Freundinnen köstlich unterhalten. Deutsches Äquivalent dürfte mithin das Kaffeekränzchen sein.
Unverzichtbares Beiwerk sind weiterhin "digestive biscuits" - kurz: Kekse. Es gibt sie in allen Variationen, und es gilt durchaus nicht als Verstoß gegen die Benimm-Regeln, sie in den Tee einzutunken. "Dunking" nennt man das. Dabei ist es ein kleines Kunststück, nur so lange zu stippen, bis man das Gebäck Stück für Stück mit den Lippen lösen kann, bevor es in sich zerfällt und womöglich den Tee ruiniert.
Alistair Tarwid ist schon in seiner Kindheit weit herumgekommen. Schottland, Singapur, Kenia, der Jemen. Sein Vater war Offizier der britischen Luftwaffe. Der Sohn besuchte englische Internate. Die Bräuche rund um den Tee haben ihn immer begleitet. Auch heute noch, wenn er als Dolmetscher und Übersetzer unterwegs ist.
Tee würde Tarwid nie und nimmer in Deutschland kaufen. Er importiert ihn, lose oder in Beuteln. Letztere seien im Übrigen kein Frevel. "Sie können von durchaus guter Qualität sein", sagt der Mann mit der grauen Mähne. Er liebt Assam und Darjeeling genauso wie indischen Chai-Tee. "Keep calm and carry on" ist das Credo, mit dem er die Ruhepole in seinem geschäftigen Leben sucht. Immer mit dem englischen Kultgetränk. Frei übersetzt: Abwarten und Tee trinken!
Morgen Teil 17: Ein Blick hinter die Theaterkulissen vor einer Abendvorstellung.

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