Flensburg : Darf ein Nazi-Arzt einer Straße den Namen geben?

Idylle auf der Westlichen Höhe:  Der Namensgeber der Gerhard-Küntscher-Straße aber hatte  wohl enge Verbindungen zum NS-Regime.  Foto: gat
1 von 2
Idylle auf der Westlichen Höhe: Der Namensgeber der Gerhard-Küntscher-Straße aber hatte wohl enge Verbindungen zum NS-Regime. Foto: gat

Historiker können die Nazi-Vergangenheit des Chirurgen Gerhard Küntscher, der auch in Schleswig tätig war, belegen. Sollte Flensburg die Gerhard-Küntscher-Straße jetzt umbenennen?

shz.de von
25. Juli 2011, 10:56 Uhr

FLENSBURG | Nach Carl Diem jetzt vielleicht auch Gerhard Küntscher? 1997 hatte sich die Stadt Flensburg entschlossen, eine Straße, die den Namen des Sportfunktionärs und Organisators der Olympischen Spiele 1936, Diem, trug, umzubenennen in Elisabeth-Oschatz-Dethleffsen-Straße, nachdem dessen Nähe zu der Elite des nationalsozialistischen Regimes neu bewertet worden war. Ähnliches könnte mit der Gerhard-Küntscher-Straße geschehen. Dieser Straßenname erinnert seit 1983 an den Pionier der Unfallchirurgie, der als Wissenschaftler weltweit ein hohes Ansehen genoss und mit der von ihm entwickelten Knochenmark-Nagelung Millionen von Patienten geholfen hat. An diesem Denkmal der Medizingeschichte sind hässliche Flecken entdeckt worden - braune Flecken.
Gerhard Küntscher, 1900 in Zwickau geboren, hatte in Würzburg, Hamburg und Jena Medizin und Naturwissenschaften studiert. Mit glänzenden Noten legte er die ärztliche Prüfung ab, seine Promotion zum Doktor der Medizin wurde mit dem Prädikat "summa cum laude" bedacht. Er wandte sich der Chirurgie zu und ging 1930 an die Universitätsklinik Kiel. 1935 habilitierte er sich, 1943 wurde er zum Professor ernannt. Mit den von ihm entwickelten Methoden der Knochenmark-Nagelung machte er Furore.
Wie stand es um die menschlich-moralische Integrität?
Zum Kriegsende 1945 strandete er in Schleswig. Er blieb in der Schleistadt und übernahm die Leitung der Chirurgischen Abteilung des Kreiskrankenhauses. 1957 wurde ihm vom Hamburger Senat die Direktion des Hafenkrankenhauses angetragen. Im Pensionsalter gegen seinen Willen in den Ruhestand geschickt, fand er in Flensburg am St.-Franziskus-Hospital als prominenter Gastarzt seine letzte Wirkungsstätte, an der er bis zu seinem Tode 1972 tätig war.
Küntscher - ein brillanter Mediziner. Aber wie stand es um seine menschlich-moralische Integrität? Zwei Medizinhistoriker haben festgestellt, dass er relativ früh der NSDAP und der SA beigetreten war. "1932 wurde er schon zum SA-Sanitäts-Standartenführer befördert", schreiben Karl-Werner Ratschko und Susanne Mehs in ihrem Beitrag "Der andere Küntscher: nicht nur Marknagelung und Anekdoten", der im Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt (Nr. 5/2011) erschienen ist. Wie stark Küntscher mit der NS-Ideologie verwoben war, belegen zwei dokumentierte Vorgänge an der Kieler Universität 1933. In dem einen Fall handelt es sich um die Denunziation eines jüdischen Mediziners durch den SA-Arzt Küntscher, der in antisemitischer Weise beim Kieler Führer des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes einen Kollegen anschwärzte: "Derselbe ist ein waschechter ungarischer Jud und ich glaube, dass das beiliegende Material eine Handhabe zu seiner sofortigen Entfernung ist. Der Jude hat in seiner ungarischen Heimat einen ganz üblen Artikel in einer jüdischen Zeitung losgelassen, in dem er sich als tüchtigsten Mann der Klinik hinstellte und auf Hitler schimpft. Ich glaube, dass sich die Sache vorzüglich für den Volkskampf eignet."
"Ein alter nationalsozialistischer Kämpfer"
Das Kultusministerium behandelte die Angelegenheit auffallend schleppend, so dass sie sich bald erledigt hatte. In der Zwischenzeit hatte der denunzierte Arzt, dem Schikanen und Repressalien bis hin zur "Schutzhaft" drohten, Deutschland in Richtung Schweiz verlassen. Beschrieben und mit Quellen belegt wird in dem Ärzteblatt ferner, wie Küntscher den Direktor der Kieler Augenklinik unter Druck gesetzt hatte, einen "alten Kämpfer" der nationalsozialistischen Bewegung als Assistenten einzustellen.
Die beiden Fachautoren sehen in Küntscher einen Nazi-Protagonisten und verweisen auf Stellungnahmen der Universität aus der NS-Zeit wie diese: "Dr. med. Küntscher (ist) politisch unbedingt zuverlässig, er ist alter nationalsozialistischer Kämpfer, (bietet) weiterhin charakterlich die Gewähr, dass er im nationalsozialistischen Staate als Hochschullehrer sich in jeder Beziehung bewähren dürfte."
Kann ein solcher Mann geehrt werden, indem eine Straße nach ihm benannt wird? Diese Frage stellt sich im Lichte der neuen Erkenntnisse auch der Stadt Flensburg. Das Rathaus brauchte für eine Stellungnahme drei Wochen Zeit. Die Entscheidung, die Straße nach Küntscher zu benennen, habe sich seinerzeit auf dessen wissenschaftliche Leistung und mehrjähriges Wirken am St.-Franziskus-Hospital bezogen. Der Verwaltung lägen keine Rückmeldungen oder Anfragen von den Anwohnern der Straße oder der sonstigen Bevölkerung zu dem Namensgeber vor, heißt es. Die neuen Fakten zur Vita Küntschers ließen keinen Rückschluss darauf zu, "dass eine Fortführung der Bezeichnung als unzumutbar anzusehen ist". Anders sei es bei Carl Diem gewesen; er sei ein "führender Vertreter des Nazi-Regimes" gewesen.
(shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen