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Flensburger Tageblatt

24. Oktober 2017 | 04:58 Uhr

Danijel, der Dieb der Erinnerungen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Traurige Zeugen, entspannter Täter: Fünfte Strafkammer rollt beispiellose Serie von Einbrüchen mit mehreren 100 000 Euro Schaden auf

shz.de von
erstellt am 18.Apr.2015 | 16:56 Uhr

Danijel D. ist entspannt und wirkt gut gelaunt. Wenn Zeugen sprechen, ist er ganz zugewandt. Wenn am Richtertisch Tatort-Fotos betrachtet werden, bleibt er auf der Anklagebank und scherzt mit der Dolmetscherin. Dabei entgeht ihm so einiges. Das eigentliche Leid der Opfer zum Beispiel. Danijel D. steht wegen einer enormen Einbruchsserie vor der 5. Großen Kammer des Landgerichts. Mindestens 30 Mal zwischen September 2011 und August 2014 soll der 28 Jahre alte Serbe auf Diebstahlstour in Flensburger Wohnungen und Häusern gewesen sein. Den materiellen Schaden siedelt die Polizei im höheren sechsstelligen Bereich an. Der immaterielle Schaden – das ergeben schon die ersten zwei Zeugenvernehmungen – dürfte unermesslich sein.

Staatsanwalt Weber braucht über eine halbe Stunde für seine Anklage. 30 Einbruchsdiebstähle, teilweise in schneller Abfolge, überwiegend in Flensburg. D. war praktisch überall. In der Björnsonstraße und in der Tilsiter Straße. Im Kalkgrund und in der Bauer Landstraße, im Marienhölzungsweg, im Alten Kupfermühlenweg, in der Sonderburger Straße, am Bohlberg, am Hechtenteich in Harrislee und in Jarplund Im Tal. D. legte eine beängstigende Aktivität an den Tag, die selbst durch eine zwischenzeitliche kurze Untersuchungshaft nicht unterbrochen werden konnte. Die Flensburger Kripo hatte ihn zwar seit März 2013 auf dem Schirm, eine wasserdichte Beweiskette hatte sie aber erst im November 2014 zusammengestellt – als ein schwer bewaffnetes Sondereinsatzkommando den Serieneinbrecher festnahm.

Bei seinen Diebeszügen häufte er märchenhafte Schätze an. Gold, Silber, Platin, Bernstein, Brillanten, Diamanten, Edel- und Halbedelsteine in allen denkbaren Verarbeitungsformen. Dazu wertvolle Elektronik, ganze Tresore, Sparbücher, Kreditkarten, Jagdwaffen und Munition, der gelernte Musiker hatte auch Sinn für Kurioses: In Maasbüll ließ er zwei Klarinetten im Wert von 11  000 Euro mitgehen. Einem Arzt in Mürwik stahl er nicht nur eine goldene Uhren-Sonderanfertigung (Modell „Ärzte ohne Grenzen“), sondern auch seine Doktorarbeit; ein Kollege auf der Westlichen Höhe verlor nicht nur sein Sparbuch, sondern auch einen Rasierpinsel aus echtem Dachshaar, einemBestohlenen im Norden der Stadt fehlt sei D.s Besuch eine Anstecknadel mit Hakenkreuz, andere verloren Anhänger mit der Gravur der christlichen Ur-Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung. Den beiden ersten Zeuginnen des gestrigen ersten Verhandlungstages nahm Danijel D. vor allem eines: unersetzbare Erinnerungen.

Es war die Vernehmung dieser beiden Frauen, die das eigentliche Verbrechen sichtbar machten. Zwei Menschen gesetzten Alters, denen D. einen geliebten Teil ihrer Vergangenheit gestohlen hat. Einen Armreif, den der längst verstorbene Vater einer 78-Jährigen kurz vor seinem Tode geschenkt hatte; die Schmuckstücke des verstorbenen Ehemanns für seine jetzt 76 Jahre alte Witwe. Jahr für Jahr vom hart erarbeiteten Geld der Jahresprämie gekauft. Die goldene Kette ihrer Mutter. Fast 100 Jahre alt. Vertreibung und Flucht und die schlechten Jahre der Nachkriegszeit hatte sie überstanden, die Gier des Danijel D. nicht. Gestohlen, eingeschmolzen, zu Geld gemacht. Das Geld verprasst. Danijel D. scherzt mit seiner Dolmetscherin auf der Anklagebank, als die Zeugin während der Vorlage von Fotos am Richtertisch erklärt, dass sie aus der umfangreichen sichergestellten Diebesware nur den billigen Modeschmuck zurückbekommen hat.

Gestern wollte sich der Angeklagte zu den Anklagevorwürfen noch nicht äußern. Nach einem Rechtsgespräch deutet sich jedoch eine Abkürzung des bis Juni anberaumten Verfahrens an. Die Hauptverhandlung wird am 8. Mai, 9.15 Uhr, fortgesetzt.

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