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Fremdsprachenunterricht : Dänische Schüler lernen früher Deutsch

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Deutschkenntnisse in Dänemark schwinden – unser Nachbarland reagiert: Mit Beginn des neuen Schuljahres wird der Deutschunterricht an dänischen Schulen vorverlegt.

Apenrade | Der erste Kontakt mit der Sprache des Nachbarn ist bunt: Ob irgendjemand schon eine Farbe auf Deutsch nennen kann, fragt Lehrerin Maria Aas ihre 18 Schüler. „Blau“ lautet der erste Vorschlag. Durch Besuche südlich der Grenze oder die Medien haben zwölfjährige Dänen hier und da durchaus schon mal ein deutsches Wort gesehen oder gehört. So vergehen nur wenige Minuten, bis die Klasse 6b mit leichter Hilfe von Maria Aas an der Tafel die gesamte Palette zwischen Schwarz und Weiß zusammengestellt hat. Durch die Vokabel „grün“ hat sie dabei sogar schon Bekanntschaft mit den Umlauten geschlossen. „So ähnlich wie ein Smiley sieht das ü aus“, baut Maria Aas ihren Schützlingen eine Eselsbrücke.

Leicht, spielerisch, zunächst ohne grammatisches Korsett: Szenen wie diese an der Høje Kolstrup Skole im Stadt-Norden von Apenrade spielen sich in 5. und 6. Klassen in Dänemark derzeit überall ab. Das Königreich hat den Deutschunterricht mit Beginn des neuen Schuljahres zwei Jahre nach vorne verlegt. Eine Reaktion darauf, dass die Deutschkenntnisse nördlich der Grenze seit mehreren Generationen drastisch gesunken sind – und die Dänen merken, dass sie auf Englisch mit den Deutschen nicht so weit kommen wie sie es sich wünschen.

Über mehr als ein Jahrzehnt haben sich Forderungen insbesondere aus der Wirtschaft aufgebaut, etwas gegen den Kompetenzverlust zu tun. Haupt-Argument: Die Bundesrepublik ist Dänemarks bei weitem größter Exportmarkt – und dort hätten diejenigen Unternehmen die besten Absatzchancen, die mit deutschen Kunden auf Deutsch verhandeln. Im Rahmen einer Schulreform mit zahlreichen weiteren Neuerungen hat die Mitte-Links-Regierung unter Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt den Appellen jetzt nachgegeben.

„Unsere Umwelt stellt in zunehmendem Maße Ansprüche an höhere Sprachkenntnisse“, sagt Anders Andersen, leitender Beamter im Bildungsministerium. „Deshalb führt die Schulreform einen umfassenderen und früheren Unterricht in Fremdsprachen ein.“ Zugleich mit der Stärkung des Deutschen beginnt Englisch nun bereits in der 1. statt 3. Klasse. In der 7. Klasse kann Deutsch anders als bisher nur noch in absoluten Ausnahmen abgewählt werden. Zudem können die Jugendlichen ab Klassenstufe 7 freiwillig eine dritte Sprache dazunehmen. „Auf diese Weise geben wir dänischen Schülern beste Möglichkeiten, sich in einer globalisierten Welt zurechtzufinden“, erklärt Andersen.

Die Erwartungen der Kinder in Apenrade richten sich zunächst auf Vorteile im privaten Umfeld. Zwölfjährige denken noch nicht ans Berufsleben. Sechstklässler Casper zum Beispiel hat gerade in den Sommerferien erlebt, „dass Deutsch praktisch sein kann“. Auf einem Campingplatz in Norwegen stand seine Familie neben einer deutschen. „Und es wäre toll gewesen, hätten wir ihnen in ihrer Sprache zum Fußballweltmeistertitel gratulieren können statt auf Englisch.“ Besonders nützlich findet er Deutschkenntnisse, wenn er in ein paar Jahren ohne Erwachsenenbegleitung in die Alpen zum Skifahren reisen möchte. Caspers Klassenkameradin Alba freut sich darauf, sich bald besser mit ihrer Oma väterlicherseits verständigen zu können – „die ist nämlich Deutsche, spricht aber kein Englisch“. Und das Mädchen ist auch schon gespannt darauf, „dass ich dann hoffentlich auch mitbekomme, was meine Oma mit anderen deutschen Verwandten beredet“. Gansalya wiederum, eine Schülerin mit Migrationshintergrund, verspricht sich von dem neuen Fach, dass sie sich mit ihrer Kusine besser austauschen kann. Die wächst nämlich in der Bundesrepublik auf. Gansalya brennt sogar so sehr darauf, dass sie sich privat schon ein paar Sätze Deutsch hat beibringen lassen – von ihrer Klassenkameradin Caroline. Die hat fünf Jahre in Deutschland gelebt. Und merkt gerade, dass sie sich im Deutschunterricht beim Melden bremsen muss, damit nicht sie allein sämtliche Fragen der Lehrerin beantwortet. Der Körper, Obst und Gemüse, die Zahlen – und all das erklärt anhand des Alltags einer imaginären Familie aus Vater Paul, Mutter Anna und den Kindern Tim und Maria: So führen die ersten Lektionen im Arbeitsheft Deutsch die Sechstklässler auf das Terrain der neuen Sprache. Bis Weihnachten sollen die 50 Seiten durchgenommen sein, in zwei Stunden pro Woche. „Oberstes Ziel ist es, einen Wortvorrat aufzubauen“, sagt Lehrerin Maria Aas.

Zwar hat die Regierung im Gegenzug für den früheren Beginn des Deutschunterrichts in Klasse 8 und 9 im selben Fach jeweils eine von bisher vier Wochenstunden gestrichen. Maria Aas findet die Reform trotzdem von Vorteil, weil sie bei einem jüngeren Alter ansetzt: „Wenn die Kinder noch nicht in der Pubertät sind, haben sie keine Scheu, fremde Wörter auszusprechen“, sagt die Pädagogin. „Dieser Mut verschafft ihnen einen leichteren Zugang zu einer neuen Sprache.“ Auch die „natürliche Neugier in dem Alter“ findet die Lehrerin hilfreich, um mit Deutsch Bekanntschaft zu schließen. Ältere denken bei Deutsch oft zuerst daran, dass es mehr Regeln als das Dänische oder Englische hat – und sind zögerlich.

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erstellt am 21.Aug.2014 | 18:26 Uhr

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