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Flensburger Tageblatt

22. November 2017 | 22:52 Uhr

Mittelangeln : Chronist aus Leidenschaft

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Vom Volksschüler zum Landarzt – das Faible für Dorfgeschichten hat Thomas Jens Hansen von seinem Vater.

shz.de von
erstellt am 08.Sep.2017 | 13:51 Uhr

Klaus Kiesbye war ein einfacher Mann, lebte in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Großsoltwesterholz. Er hatte dort eine kleine Landwirtschaft und fuhr mit einem „Hökerwagen“ durch die Dörfer. Dieser Wagen wurde von einem Pferd gezogen, die Waren erfreuten die Menschen in den Dörfern und abgelegenen Höfen. Klaus Kiesbye versorgte sie mit allen Dingen des täglichen Bedarfs, von Töpfen und Pfannen, Zucker und Mehl bis zu Kolonialwaren und Schnaps, aber auch mit Honig aus der eigenen Imkerei. Landwirtschaft und Hökerei waren kein „Honigschlecken“. Das hieß: morgens früh aufstehen und abends spät ins Bett. Hinzu kam sein persönliches Schicksal einer schweren Lungentuberkulose, die Klaus Kiesbye mehrfach fast das Leben kostete. Am Ende wurde er 95 Jahre alt. Diese Lebensgeschichte hat Thomas Jens Hansen nun als Vorlage für eine Romanfigur genommen und aufgeschrieben.

„Er war unser Nachbar“, erinnert sich Hansen. Als Nachbar und als sein Hausarzt hat er Kiesbye kennen gelernt und viel über dessen Leben erfahren. Die Geschichte eines einfachen und fleißigen Mannes und seiner Familie aus Angeln hat ihn fasziniert, schließlich stammt Hansen selbst aus einfachen Verhältnissen, absolvierte zunächst nur die Volksschule und wurde Landwirt. „Wir müssen unsere Vergangenheit verstehen, wenn wir unsere Zukunft meistern wollen“, sagt Thomas Jens Hansen. Dieses Verständnis versucht der 65-jährige Hausarzt, der in Region tief verwurzelt ist, mit großem Enthusiasmus zu vermitteln. Deshalb betätigt er sich auch leidenschaftlich als Chronist.


Vom Landwirt zum Landarzt


Aufgewachsen ist Hansen auf einer kleinen Landwirtschaftsstelle mit 27 Hektar Land. Mit zehn Jahren war ihm klar: „Ich werde Bauer“. Seinen Lehrern auf der Volksschule war dieses Lebensziel unverständlich, sie hatten längst seine geistigen Fähigkeiten erkannt und wollten ihn deshalb aufs Gymnasium schicken. Doch Thomas begann, als er 14 Jahre alt war, eine Landwirtschaftslehre auf dem väterlichen Hof. Weil der Junge plietsch war und rechnen konnte, wurde ihm rasch klar, dass der kleine Hof künftig keine Lebensgrundlage mehr für eine ganze Familie hergeben würde.

Hansen machte das Abitur nach und studierte Medizin. Nach einigen Jahren als Assistenzarzt in der Diakonissenanstalt und drei Jahren als Amtsarzt in Flensburg bekam er das Angebot, als Hausarzt in eine Gemeinschaftspraxis in Satrup einzutreten. Seit 1991 ist er dort Landarzt mit Herz und Seele.


Plattdeutsch als Eisbrecher


Bei seinen Hausbesuchen nahm sich Dr. Thomas Jens Hansen Zeit für das Gespräch mit seinen Patienten. Hörte sich manche Lebensgeschichte an, nahm auf, was die Menschen über Land und Leute, Wetter, Kultur und Dorftratsch wussten. Die plattdeutsche Sprache, die Hansen selbstverständlich beherrscht, wirkte dabei oft als Eisbrecher.

Zu Hause wurden diese Geschichten aufgeschrieben. Aber auch Geschehnisse aus der Nachbarschaft wurden akribisch festgehalten, wie etwa die Geschichte zweier Mädchen aus der Nachbarschaft, die nach Kriegsende im Fröruper Wald Munition suchten. Eine Granate explodierte und beide Mädchen verloren je ein Bein. Mit Pferd und Kastenwagen wurden sie zunächst nach Oeversee und von dort mit einem Krankenwagen weiter nach Flensburg ins Krankenhaus gebracht.


Reisen in die Vergangenheit


Das Faible für Dorfgeschichten und Ereignisse vom Land hat Thomas Jens Hansen von seinem Vater Thomas Hansen, der in der Politik und im Berufsverband aktiv war. Als der Senior Rentner wurde, begann er sein Leben und das der Familie von der Kaiserzeit bis 1960 aufzuschreiben. Vor 15 Jahren entdeckte Thomas Jens Hansen die Aufzeichnungen seines Vaters, las Seite für Seite und lies sich faszinieren von dem gefundenen Schatz, der es wert war, ergänzt und an die nächste Generation weitergereicht zu werden.

Bei Thomas Jens Hansen weckte dieser Fund auch die Leidenschaft und das Interesse für die Geschichte und Kultur seiner Heimat. Er sichtetet die Unterlagen und Aufzeichnungen seines Vaters, ordnete alles und speicherte es. Dann wollte er die ganze Geschichte seiner Familie kennen lernen. Er sammelte weitere Informationen, studierte die alten Kirchenbücher im Apenrader Archiv und konnte so seine Familiengeschichte bis 1720 zurückverfolgen. Dabei tauchten Familienmitglieder auf, die Seeleute wurden und bis in die Karibik fuhren. Andere wurden Walfänger und berichteten von beschwerliche Reisen nach Grönland. Ein anderer Zweig der Familie hatte verwandtschaftliche Verbindungen zu der Kolonistenfamilie Duus, die aus Süddeutschland nach Angeln kam.

Fertig geschrieben ist aktuell eine Abhandlung über das Gesundheitswesen in Angeln um 1828. Für Thomas Jens Hansen ist wichtig, nicht nur einen isolierten Aspekt aufzuzeigen. Sein Anspruch ist breiter angelegt. Der Leser seiner Aufzeichnungen soll mitgenommen werden in eine vergangene Zeit. Er soll Verständnis für die Zeit bekommen. „Ich möchte einige Mosaiksteinchen zum Leben in den vergangenen zwei Jahrhunderten beitragen und damit Zusammenhänge verständlich machen“, sagt Thomas Jens Hansen. Das Buch über Klaus Kiesbye ist bisher nur ein Manuskript, ob es jemals veröffentlicht wird, weiß Hansen derzeit selbst noch nicht.

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