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Flensburg bei Nacht : Chauffeur der Nachtschwärmer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In einer Reportage-Reihe begleitet das Tageblatt Flensburger, die spätabends und nachts arbeiten. Heute Teil 1: Taxifahrer

„Feierabend für heute.“ Frank Braatz lächelt und schlägt die Tür seines Taxis zu. Die Sonne ist untergegangen, es ist 21.50 Uhr. Für Frank Braatz, 56, ist das gefühlter Mittag. Feierabend vor 22 Uhr. Das war für ihn bis vor einigen Jahren noch unvorstellbar.

Er wartet. Und wartet. Und wartet. Taxistand an der Schiffbrücke, kurz vor acht am Abend. Regentropfen prasseln auf die Windschutzscheibe. Sekundenlang blickt Frank Braatz, der einfach nur Frank genannt werden will, aus dem Seitenfenster. Wie in Trance. Aus dem Autoradio läuft leise Musik. Ein schrilles Pfeifen seines Handys unterbricht die Ruhe. Frank schnappt es sich und tippt mit seinen Fingern auf der Tastatur herum. Danach blickt er wieder aus dem Seitenfenster hinaus zum Hafenbecken. „Die meiste Zeit verbringt man mit Warten, das ist anstrengender als wenn laufend Kunden kommen.“

Kurzer Blick in den Spiegel, dann fährt Frank los. Zur Marineschule. Dort wartet ein groß gewachsener Mann, etwa Mitte 30. Kräftige Statur, Kinn- und Oberlippenbart, gepflegtes Äußeres. „Einmal zu Papas Imbiss“, sagt er knapp. Mehr Infos braucht Frank nicht. Der Gast ist Marinesoldat. Und wortkarg. Auf Dienstreise sei er hier und in Stralsund stationiert.

Mit Soldaten kennt sich Frank aus. Früher seien rund 15 000 davon in Flensburg eingesetzt gewesen. „Bis dahin war nachts noch richtig Action.“ Bis in die 90er Jahre hinein als tausende Soldaten abgezogen wurden. „Da gab es hier noch das Crypton, Mirage, Pony und Mister L.“, sagt Frank. Und eben mehr Soldaten. „Dank denen gab es jeden Sonntagabend die ,Nato-Rallye‘.“ Viele Soldaten verbrachten ihr Wochenende in der Heimat und kehrten Sonntagabend per Bahn nach Flensburg zurück. „Vom Bahnhof bis vor den Haupteingang der Brauerei haben wir Taxifahrer dann gestanden.“

Daran erinnert sich Frank gern zurück. Der Ur-Flensburger, gelernter Groß- und Einzelhandelskaufmann, fährt seit 32 Jahren Taxi und die meisten davon nur im Abend- und Nachtbetrieb. „Tagsüber ist mir zu viel Verkehr auf den Straßen.“ Der Hauptgrund aber war die Geburt seiner Tochter vor 28 Jahren. „Meine Frau und ich wollten dennoch beide berufstätig bleiben, da bot es sich an, nachts zu arbeiten.“ Einfach ist das nicht. Der Freundeskreis sei der Nachtarbeit zum Opfer gefallen. „Ich bin ja immer unterwegs, wenn die meisten anderen frei haben.“ Seine Familie hat sich daran gewöhnt. Und was ist mit Geburtstags- oder Familienfeiern am Wochenende? Frank winkt ab. „So etwas gibt es für mich nicht.“ Das sei ab und an durchaus frustrierend. „Manchmal wünsche ich mir, wie ein normaler Mensch Freitagnachmittag um fünf den Hammer fallen zu lassen und ihn erst am Montagmorgen wieder aufzuheben.“ Warum er sich das Taxifahren trotzdem antut? „Es ist wie Rauchen: Wenn man einmal damit angefangen hat, kommt man davon nur ganz schwer wieder weg.“

Von Dienstagabend bis Sonntagmorgen dauert seine Arbeitswoche. Das war nicht immer so. Bis die Soldaten in den 90er Jahren abgezogen wurden, habe er von Freitagmorgen bis Sonntagabend frei gehabt. Denn damals gab es für ihn und seine Kollegen auch unter der Woche reichlich zu tun. Das Geld saß lockerer. „Am Frisören-Montag haben sich etliche Damen aus dem Gewerbe im Grog-Keller am Südermarkt getroffen.“ Auch die Soldaten hätten regelmäßig bis in die Nacht in der Innenstadt gefeiert. Die Taxifahrer auch. „Damals haben wir teilweise früher als geplant Feierabend gemacht und uns auch in die Kneipe gesetzt.“ Und heute? „Da können wir uns das gar nicht mehr leisten, es kommt auf jeden Kunden an.“

Gelächter. Die beiden Frauen kichern wie kleine Kinder. Es riecht stark nach Alkohol im Taxi. Die Frauen kommen aus Dänemark. Sie wollen zum Bahnhof. „Wir haben heute und morgen frei und ein bisschen getrunken“, sagt eine von ihnen und lacht lautstark. Frank lacht mit. „Abends und nachts hat man so viele verschiedene Typen von Kunden, das ist faszinierend.“

Der Mindestlohn. Wie ein Schreckgespenst spukt der ihm im Kopf herum. Angst vor nächtlichen Überfällen hat Frank nicht, vorm Mindestlohn schon. Mittlerweile ist es 21.45 Uhr. Seit einer Viertelstunde hat Frank offiziell Feierabend. Theoretisch zumindest. „Ich mache freiwillig Überstunden, weil ich weiß, was ich meinen Chef koste und ich diese Kosten wieder einfahren will.“ Sieben Euro bekomme er pro Stunde. „Das ist in Ordnung.“ Wenn der Mindestlohn kommt, werde das zu Problemen führen. „Dann müssen die Fahrpreistarife in die Höhe schießen, aber das macht kein Kunde mit.“

Auch der dänische Mann sicher nicht, den Frank mit seiner jungen blonden Begleiterin zuerst zur Sparkasse und dann zu einem Hotel in Wassersleben fährt. Sie sind Franks letzte Gäste an diesem Abend, für sie macht er Überstunden. Und das lohnt sich: Mit knapp über 15 Euro sind sie die mit Abstand zahlungskräftigsten Kunden in seiner Schicht.

Die beiden sind seine fünften Kunden innerhalb von vier Stunden, ein guter Wert für einen Wochentag mit Regenwetter. Die Straßen und Kneipen-Außenbereiche sind mittlerweile wie ausgestorben. Frank hat Feierabend. Nach knapp vier Stunden, kurz vor 22 Uhr. Das war für ihn vor einigen Jahren noch unvorstellbar.

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erstellt am 16.Aug.2014 | 12:29 Uhr

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