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Seebestattungen in der Förde : Bußgeldpflichtig ins Seemannsgrab

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ochseninsel statt Kalkgrund: Flensburger Bestatter und Reederei stehen unter dem Verdacht illegaler Seebestattungen.

Flensburg | Karl Piepiorka hatte sich zu Lebzeiten eine Seebestattung gewünscht – und ist damit nicht allein. Im unendlichen Meer den letzten Frieden zu finden, ist für viele Menschen eine tröstliche Vorstellung. Ob Piepiorka aber mit seiner Ruhestätte glücklich wäre? Eigentlich sollte er – im Einklang mit Recht und Gesetz – drei Seemeilen vor der Küste am Grunde der Geltinger Bucht liegen. Stattdessen befindet sich seine Asche nahe der Ochseninseln auf dem Boden des dänischen Teils der Innenförde. Ordnungsrechtlich stellt der Tote hier eine Ordnungswidrigkeit dar. Seine letzte Ruhe hat sich Karl Piepiorka sicherlich anders vorgestellt.

„Es gilt das schleswig-holsteinische Bestattungsgesetz“, sagt Flensburgs Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf dazu. „Urnenbeisetzungen müssen in einem Mindestabstand von drei Seemeilen zum Festland stattfinden.“ Das aber ist in der schmalen Innenförde mit ihrer mittig verlaufenden Staatsgrenze schlechterdings unmöglich. Trotzdem machte Piepiorkas Urne statt einer Fahrt über 40 Kilometer zum Kalkgrund nur eine kurze Reise bis hinter die große Ochseninsel, wo sie der Kapitän eines Flensburger Fahrgastschiffes gleich hinter der Grenze versenkte.

Und das wohl nicht zum ersten Mal. Der Käpt’n arbeitet überwiegend mit einem kleinen Bestattungsinstitut zusammen, dessen Inhaber nach eigenem Bekunden in den vergangenen Jahren mit ihm „viele“ Seebestattungen abgewickelt hat. Da den Mitbewerbern das Flensburger Schiff auf dem offiziellen Bestattungsgrund der Geltinger Bucht bisher aber noch nie begegnet ist, gehen sie davon aus, dass Reederei und Bestatter dieses kostengünstige und Zeit sparende Verfahren konsequent als ihr Geschäftskonzept betreiben.

Sie dürften beide in den vergangenen Jahren auch von einer gewissen Wurschtigkeit der Behörden profitiert haben. Viele Mitbewerber haben nach eigenem Bekunden mehr als einmal auf die illegale Praxis hingewiesen. Geschehen sei aber rein gar nichts. Immerhin soll sich jetzt Hafenkapitän Frank Petry intensiver mit Log- und Geschäftsbüchern der Reederei beschäftigen. Hilfreich könnte dabei auch ein Blick auf die Rechnung der Piepiorka-Bestattung über 892,50 Euro sein. Dort ist die Lage der Urne (54.51,6080 Nord 9.32,2060 Ost) dokumentiert und abgestempelt. Laut Wasserschutzpolizei eindeutig eine Position auf dänischer Seite.

Bestatter und Kapitän sind sich keiner Schuld bewusst. „Alles, was wir tun, ist abgesegnet“, sagt der Käpt’n. „Das mit dem Mindestabstand von drei Meilen ist längst überholt, das haben die längst geändert“, behauptet er auf Anfrage – freilich ohne zu konkretisieren, wer mit „die“ eigentlich gemeint ist. Der Gesetzgeber kann es nicht sein. Der verweist auf das aktuelle Bestattungsgesetz, weitere Nachfragen lässt der Käpt’n leider nicht mehr zu, er kündigt stattdessen rechtliche Schritte gegen das Tageblatt an. Sein Geschäftspartner erklärt sich für unzuständig. „Wir bringen die Urne nur zum Schiff. Dann ist es Sache der Reederei“, behauptet er – ganz offenkundig in Unkenntnis der gesetzlichen Grundlage seines Geschäfts. Paragraf 18 Bestattungsgesetz nämlich übergibt ihm die komplette Verantwortung. „Die Beisetzung gilt als gesichert, wenn die Urne mit der Asche einem Bestattungsunternehmen übergeben wird“, heißt es dort.

Im Königreich weiß man von ungenehmigten Seebestattungen deutscher Staatsbürger auf dänischem Meeresboden nichts. Simon Ankjær Andersen, Sprecher des Kopenhagener Kirchenministeriums, weist darauf hin, dass Dänemark üblicherweise einen kurzen Antrag des deutschen Bestatters erwartet, dem in aller Regel unbürokratisch stattgegeben wird. Allerdings setze Kopenhagen voraus, dass deutsche Bestatter in dänischen Gewässern deutsches Recht anwenden – also auch hier mindestens drei Seemeilen Abstand zum Festland einhalten. Insofern ist die Aktenlage auch irgendwie schlüssig. „Aus Flensburg ist bei uns nie ein Antrag eingegangen“, so Andersen.

Wenn der wüsste. In der Branche geht man davon aus, dass in den letzten Jahren über 100 deutsche Staatsbürger auf der dänischen Seite der Förde ihre letzte Ruhestätte gefunden haben – ganz ohne Antrag. Könnte aber gut sein, dass damit bald Schluss ist. Egmont Piepiorka, der – entsetzt über den als würdelos empfundenen Umgang mit seinem verstorbenen Vater – die Fehlbestattung öffentlich gemacht hat, will die Dinge nicht auf sich beruhen lassen. Er hat gegen Kapitän und Bestatter Anzeige erstattet. Jetzt wird ermittelt.

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erstellt am 26.Apr.2017 | 06:11 Uhr

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