Landgericht Flensburg : Busfahrer misshandelt Schülerinnen und bekommt Bewährung

Rolf L. auf der Anklagebank der I. Großen Strafkammer.
1 von 2
Rolf L. auf der Anklagebank der I. Großen Strafkammer.

Der Busfahrer hat geistig behinderte Schülerinnen wiederholt belästigt. Er kommt aber nicht hinter Gitter.

shz.de von
11. März 2017, 00:00 Uhr

Flensburg | Zwei Jahre Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wird – dieses Urteil hat die I. Große Strafkammer am Freitagnachmittag im Fall des Busfahrers gesprochen, der im Sommer 2014 fünf Schülerinnen mit geistiger Behinderung sexuell belästigt hatte. Die Bewährungsstrafe gegen den 70-Jährigen unterliegt der Auflage einer Therapie. Außerdem muss der Angeklagte über drei Jahre monatlich einen Strafausgleich von zehn Euro an jedes der Opfer zahlen.

Der Richterspruch sorgte sowohl auf der Nebenklägerbank als auch im Publikum für Fassungslosigkeit und Entsetzen. „Das Urteil ist ein schlechter Witz und ein Freifahrtschein für jeden in unserem Rechtsstaat, der ähnlich abscheuliche Taten plant“, so Dennis Boose, Vater eines der Mädchen, das zum Tatzeitpunkt erst zehn Jahre alt war. „Nach dem heutigen Tage frage ich mich, was der Schutz von Kindern in unserem System noch wert ist“, ergänzt der Großvater der Opfers, Kurt Boose.

Ungewohnt einig waren sich Verteidiger und Staatsanwalt. Beide forderten zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung und stellten zudem die psychischen Folgen der Taten bei den Opfern in Frage. „Ich bedanke mich beim Staatsanwalt für sein umfassendes Plädoyer, das ich genau so unterschreiben würde“, erklärte Burkhard Gerling in der Verhandlung und verspricht Besserung im Verhalten seines Mandanten.

Ganz anderer Meinung waren die vier Nebenklägervertreter der Eltern. Sie werfen dem Busfahrer vor, die Hilflosigkeit der Mädchen, ihre geistigen Einschränkungen und seine Autorität berechnend ausgenutzt zu haben. Hinzukomme, dass dieser sich bis heute weder bei der Friholt- und Max-von-der-Grün-Schule, Eltern oder Kindern entschuldigt habe und keine Reflexion seines Verhaltens zeigt. Untermalt wird dieser Vorwurf vom letzten Wort des Angeklagten vor der Urteilsfindung: „Das Ganze tut mir sehr leid, und ich versichere dem Gericht, dass das nie wieder passieren wird,“ sagte der Rentner am Freitag im Gerichtssaal – mit dem Rücken zu den Nebenklägern und dem Gesicht zur Richterin.

Er hatte im Sommer 2014 pornografische Fotos von den Mädchen erstellt und zwei der Mädchen zudem sexuell misshandelt. Die Richterin begründet die Milde des Urteils auch damit, dass jedem der Mädchen eine geistige Widerstandsfähigkeit zuzusprechen ist, der Täter keine Vorstrafen aufweist und sich seit Beginn der Ermittlungen freiwillig in therapeutischer Behandlung befindet. Zudem betonte sie sein umfassendes Geständnis und das Zeigen von Reue und Scham. Vor allem diese jedoch fehlte Martin Unger, Rechtsvertreter eines Elternpaares: „Ich als Jurist hätte das Urteil vielleicht noch nachvollziehen können, hätte der Angeklagte Bedauern gezeigt. Doch anstatt dessen versank er in Selbstmitleid.“

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen