Der große Truppenabzug : Bundeswehr: Kehraus an der Förde?

Aufatmen: Die Schule Strategische Aufklärung in Mürwik  bleibt ungeschoren.
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Aufatmen: Die Schule Strategische Aufklärung in Mürwik bleibt ungeschoren.

Nicht nur das Flottenkommando - in Flensburg sollen der Fernmeldebereich 91 und das Bundeswehrdienstleistungszentrum abgewickelt werden

shz.de von
27. Oktober 2011, 06:52 Uhr

Flensburg | Die schrumpfende Bundeswehr trifft den traditionsreichen Marinestandort an der Flensburger Förde besonders hart. Das Flottenkommando mit seinen 920 Dienstposten soll komplett aus Meierwik abgezogen werden. Doch damit nicht genug. In Flensburg lässt Minister de Maiziere auch noch den Fernmeldebereich 91 in Mürwik sowie das Bundeswehrdienstleistungszentrum (BwDLZ) an der Meiereistraße auflösen. Nach dem offiziellen Schließungskatalog aus Berlin schrumpft der Bundeswehrstandort Flensburg damit von 840 auf 490 Dienstposten. Nach den Zahlen, die im Frühsommer unter schleswig-holsteinischen Parlamentariern kursierten, wurde allein das BwDLZ mit 500 zivilen Dienstposten geführt, der Fernmeldebereich 91 mit 186 militärischen und 61 zivilen Dienstposten. Demnach wäre der Aderlass in Flensburg also fast noch einmal so groß wie in Glücksburg.

Sogar Wolfgang Börnsen, der umtriebige und sonst stets optimistische Flensburger Bundestagsabgeordnete in Berlin, musste gestern jedenfalls zugeben: "Es sieht bitter aus." Ganz kampflos wollte der CDU-Politiker, der fast im Alleingang das gesamte Jahr hindurch für die Einrichtungen der Bundeswehr an der Förde in Berlin geworben hatte, die Entscheidung nicht akzeptieren: "Was Glücksburg angeht, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen", erklärte er dem Tageblatt trotzig. Börnsen sieht sich dabei in guter Gesellschaft mit dem militärischen Sachverstand: "Das haben alle Experten nicht verstanden." Zuerst sei eine dreistellige Millionensumme in die Infrastruktur in Meierwik investiert worden - und nun werde der Standort komplett geschlossen. Börnsen ist sich aber sicher, dass der Abzug kurzfristig gar nicht möglich ist: "Das Flottenkommando braucht die Kommandozentrale in Glücksburg noch in bis zu zehn Jahren."

Dass auch Flensburg mit dem Fernmeldebereich 91 und dem Dienstleistungszentrum mehr als jeden dritten Dienstposten verliere, sei doppelt bitter: "Vor zwölf Jahren haben wir noch dafür gesorgt, dass der Fernmeldebereich 91 nach Flensburg kommt", erinnerte Börnsen. Immerhin: Bei früheren Kasernenschließungen habe Flensburg eine bemerkenswerte Kraft entwickelt: Die Gartenstadt auf dem Gelände der früheren Briesenkaserne und die Entwicklung des Stützpunkts zu Sonwik seien beste Beispiele dafür. Immerhin bleibt für Flensburg auf der Habenseite, dass beide große Schulen demnach gerettet sind - neben der traditionsreichen, mehr als hundert Jahre alten Marineschule Mürwik (MSM) auch die benachbarte Schule Strategische Aufklärung. Mit insgesamt rund 5500 Lehrgangsteilnehmern im Jahr sind die Schulen für Flensburg auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Für Arbeitgeberverbandsgeschäftsführer Fabian Geyer ist die Abzugsentscheidung keine Überraschung, höchstens die Vehemenz, mit der die Flensburger Förde getroffen wurde. Natürlich habe die langfristig wirtschaftliche Auswirkungen, vom Kaufkraftentzug bis zum Immobilienmarkt. Einen Vorteil sieht er aber: "Die Bundeswehr zahlt keine Gewerbesteuern." Geyer rät dazu, nach vorne zu blicken. Es müsse gelingen, vor allem auf dem frei werdenden Gelände des Flottenkommandos etwas Neues zu entwickeln: "Die Attraktivität der Stadt und des Umlandes darf nicht leiden."

Diakoniepastor Thomas Nolte, der gerade die "Woche der Diakonie" gegen Armut und Ausgrenzung für die zweite Novemberwoche vorbereitet, sagt, die Schere zwischen Arm und Reich in unserer Stadt werde ohnehin immer größer: "Das macht die Situation nicht besser."

Oberbürgermeister Simon Faber sprach von einem "empfindlichen" Schlag für Flensburg und die Region. "Mit dem Abzug des Flottenkommandos Glücksburg sowie der Auflösung des Bundeswehrdienstleistungszentrums und des Fernmeldebereiches 91 in Flensburg kommen große Herausforderungen auf uns zu." Er erwarte nun, dass an anderer Stelle eine deutliche finanzielle Stärkung erfolgt. Die Härten müssten zumindest teilweise abgefedert werden. "Weiter erwarte ich, dass die geplante Auflösung der Standorte so vollzogen wird, dass Personal und Umfeld sich angemessen darauf einstellen können. Die Betroffenen dürfen hier nicht allein gelassen werden."

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