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Ärger mit dem Standesamt : Bürokratie-Groteske um eine Tote

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Heißt Janina Johanna oder umgekehrt? Das Gezerre um eine Sterbeurkunde entnervt die trauernden Angehörigen.

shz.de von
erstellt am 20.Okt.2014 | 06:53 Uhr

Flensburg | Die längste Zeit ihres Lebens hörte sie auf den Namen Johanna. Im Tode taufte das Flensburger Standesamt sie in „Janina (deutsch: Johanna)“ um. Eine Groteske aus deutschen Amtsstuben, die von den Angehörigen der am 1. Oktober an den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls verstorbenen Flensburgerin Johanna Gasinski nur schwer zu ertragen ist. „In mir ist nur Wut und Unverständnis“, gibt Tochter Heidi Raich einen Einblick in ihr Innerstes.

„Fahr doch, es ist Grün!“ Das waren die letzten Worte, die Jonathan Gasinski von seiner Mutter hörte. Am Dienstag, 30. September, kurz vor 20 Uhr auf der Kreuzung der Engelsbyer Straße mit der Mozartstraße. Der 54-Jährige hatte wie jeden Dienstag seine Mutter von ihrem DRK-Seniorenkreis abgeholt. „Ich hab’ hochgeschaut, die Ampel war grün“, erinnert er sich. Dann fuhr ich an. Dann gab’s einen grellen Blitz.“ Der grelle Blitz war ein schwarzer BMW, der – wie die Polizei später ermitteln würde – aus der Mozartstraße mit fast 50 Kilometern in der Stunde ungebremst in die rechte Flanke des Mazda krachte. Johanna Gasinski wurde mit schwersten inneren Verletzungen in die Klinik gebracht. Die Nacht überlebte sie nicht.

Seither hat Jonathan Gasinski nicht nur mit der Trauer über den Verlust der Mutter zu kämpfen. Er kämpft auch mit heftigen Schuldgefühlen. Denn der Fahrer des BMW gab an, ebenfalls bei Grün gefahren zu sein. Die ungeklärte Schuldfrage lastet mit erdrückender Schwere auf ihm. Wenn er über diesen Tag spricht, hat er schwer mit den Tränen zu kämpfen. Und das Trauma wurde nicht besser, als die Flensburger Verwaltung einen neuen Schauplatz aufmachte. Das Standesamt weigerte sich, die Sterbeurkunde auszustellen.

Die Gasinskis waren im Zuge der Familienzusammenführung nach dem Zweiten Weltkrieg aus Thorn nach Flensburg gezogen. Grundlage der Einbürgerung in Flensburg war die amtliche Übersetzung der polnischen Geburtsurkunde durch einen vereidigten Dolmetscher. Der hatte den slawischen Geburtsnamen Janina korrekt mit Johanna ins Deutsche übersetzt und das Dokument zu den Akten gereicht. Für den Rest ihrer Zeit auf Erden – immerhin noch gut 52 Jahre – hieß die Neu-Flensburgerin amtlich Johanna Gasinski, geborene Obermüller.

Ausgerechnet am Tag der Urnenbeisetzung ihrer Mutter erfuhr Heidi Raich vom Bestattungsunternehmer, dass es da ein Problem mit der Flensburger Verwaltung gebe. Die verlange eine erneute Beglaubigung der Geburtsurkunde der Verstorbenen. Die zuständige Sachbearbeiterin im Standesamt hatte sich offenbar an einer Bleistift-Notiz im polnischen Originaldokument gestört. Über dem Vornamen „Janina“ stand hauchfein: „Johanna, auf deutsch“. Raich vermutet, der monierte Eintrag sei wohl eine Gedächtnisstütze des damaligen Übersetzers gewesen. Für das Amt Grund genug, einen weiteren Dolmetscher mit einer zweiten beglaubigten Übersetzung der Geburtsurkunde zu beauftragen. Zehn Tage mussten alle Rechtsgeschäfte für die Verstorbene ruhen. Jetzt ist es amtlich. Die Tote heißt amtlich Janina mit dem Zusatz „deutsch Johanna“ und die Angehörigen fühlen sich in Flensburg wie in Schilda. Zahlen müssen sie den Service auch. 27 Euro und 37 Cent.

Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf redet nicht lange drumherum. „Das hätte ganz anders laufen müssen“, räumt er ein. „Wir bedauern diesen Vorgang sehr.“

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