Debatte im Kulturausschuss : Bücherbus auf dem Prüfstand

80 Prozent der Bücherbus-Leseratten sind Kinder: Zwischen Unterri cht und Zirkusvorstellung in der Ostseeschule suchen sich die beiden Schülerinnen Lektüre für die Ferien aus. Foto: dewanger
80 Prozent der Bücherbus-Leseratten sind Kinder: Zwischen Unterri cht und Zirkusvorstellung in der Ostseeschule suchen sich die beiden Schülerinnen Lektüre für die Ferien aus. Foto: dewanger

Die Fahrbücherei der Stadtbibliothek ist am Donnerstag Thema im Kulturausschuss - Kernfrage ist der Erhalt.

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20. März 2013, 07:33 Uhr

Flensburg | Dieses Hindernis ist selbst für den Bücherbus nicht zu bewältigen: Eis und Schneematsch auf der Anhöhe zur Ostseeschule lassen die Räder durchdrehen. "Normalerweise kommt unser Bus überall hin", sagt Petra Herzig. Die Diplom-Bibliothekarin leitet die Fahrbücherei. "Bei dem Wetter nicht", bedauert Busfahrer Axel Dietrich, der auch den Scanner bedient, um Rück- und Ausgabe der Medien zu erfassen. Statt wie sonst am Dienstag direkt um diese Mittagsstunde auf den Schulhof zu fahren, bleibt der Bus in der Sackgasse stehen. Knirpse wie Erwachsene finden den grünen Riesen dennoch und decken sich für die Osterferien aus 4000 Medien mit Lese- und Hörstoff ein.

Eine ganz andere Hürde will der Bücherbus am Donnerstag im Kulturausschuss (17 Uhr, Europaraum im Rathaus) nehmen. Prüfauftrag und Erhalt des Bücherbusses (Antrag der Ratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen) nennt die Tagesordnung als Punkte, welche die mobile Bibliothek betreffen. Schon am Nikolaustag im vorigen Jahr beschloss die Ratsversammlung im Rahmen der Haushaltskonsolidierung, das "dezentrale Angebot der Stadtbibliothek" zu prüfen beziehungsweise ein Angebot einzuholen "für die Anmietung eines neuen oder gebrauchten Busses" sowie bundesweit nach alternativen Angeboten zu fahnden. Im Prüfauftrag laut Mitteilungsvorlage an den Kulturausschuss heißt es: "Die Kernfrage für die politische Entscheidung ist, ob das bestehende Niveau der dezentralen Bibliotheksarbeit gehalten werden soll oder gesenkt werden kann." Der Prüfbericht, den Bibliotheksleiter Martin Szlatki bearbeitet hat, kommt zu dem Schluss, dass der "Kosten-Nutzen-Vergleich in Bezug auf den Bücherbus keine ähnlich leistungsfähige und gleichzeitig kostengünstigere Alternative ermitteln" konnte. Die kommunalpolitische Kernfrage beantwortet Szlatki mit: "Eine Kostenreduzierung ist aber ohne Angebotsverzicht nicht möglich." Überdies würde sich die "Wirtschaftlichkeit im Sinne der Kosten pro Ausleihe" auch bei einer Reduzierung der Konzepte "nicht wesentlich ändern". Die Stadtbibliothek bittet um eine zügige Entscheidung der Politik.

An den Bericht gefügt sind zudem eine Stellungnahme von Aktiv-Bus und eine Dokumentation eines Workshops zum Thema. Dieser beschreibt und empfiehlt "eine um neue Medienangebote erweiterte Fahrbücherei als die beste Form der dezentralen Grundversorgung in Flensburg". Die Fahrzeug-Experten von Aktiv-Bus rechnen mit 3000 Euro für die Behebung aktueller Schäden am Bus. Der Motor ist erst 2010 überholt worden, allerdings stehen andere Kosten an: Rund 20 000 Euro würde die Erneuerung des Unterbodenschutzes kosten, die aus Sicht von Aktiv-Bus "unerlässlich" ist.

Mit dem Baujahr 1986 sei der Flensburger Bücherbus beim internationalen Mobile Library Festival im finnischen Turku vor zwei Jahren wohl der älteste Teilnehmer gewesen, vermutet Petra Herzig. Sie kennt die Daten auswendig, die den Bus hinsichtlich seiner Bedeutung auszeichnen. "Mehr als jedes zweite Kind meldet sich über den Bücherbus für die Bibliothek an", gibt sie ein Beispiel, weiß, dass 70 000 Leseratten 2012 Gebrauch vom Bücherbus machten und sagt, dass vier von fünf Nutzern Kinder sind. Zwölf Schulen werden jede Woche (außer in den Ferien) angesteuert, darunter sämtliche Grundschulen Flensburgs außer der Hohlwegschule, die sich innerhalb des Stadtzentrums befinde. Mittwochs, wenn die fahrende Antiquität keine der 46 Haltestellen in den Stadtteilen anfährt, gibt es Führungen. Es gebe durchaus Schulkinder ohne Lese-Erfahrung, berichtet Petra Herzig und, dass sie schon mal die Frage "Wie hält man ein Buch?" klären muss. Service schreiben auch sie und ihre drei Kollegen groß - wahrscheinlich gibt es keinen Wunsch nach Buch, CD, DVD oder Kassette, die sie nicht aus dem Magazin mit 20 000 Medien oder mit Hilfe anderer Bibliotheken erfüllen kann.

Der siebenjährige Paul der Ostseeschule ist schon im Bus fündig geworden: Vier Comics, vor allem mit dem Kater Garfield, hat er ausgewählt. Eine noch größere Beute haben Anja Borstel (35) und ihre fünfjährige Tochter Angelina Celine gemacht; Kassetten und reichlich Sachbücher über Farben zum Beispiel hat die Kleine ihrer Mama aufgeladen. Und für die Oma, die auf der anderen Seite der Förde wohnt, greift Petra Herzig ins Regal und legt noch zwei Romane dazu. Man kennt sich.

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