150 Jahre Flensburger Tageblatt : Bücher auf dem Scheiterhaufen

„Hell züngelten die Flammen, in denen Bücher, Schriften, Transparente und kommunistische Fahnen zu Staub und Asche wurden“, notierten die Flensburger Nachrichten.
„Hell züngelten die Flammen, in denen Bücher, Schriften, Transparente und kommunistische Fahnen zu Staub und Asche wurden“, notierten die Flensburger Nachrichten.

Am 30. Mai 1933 verbrannten Nationalsozialisten die Werke zahlreicher missliebiger Autoren auf der Exe.

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02. Juli 2015, 16:00 Uhr

Flensburg | „Das war ein Vorspiel nur. Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Diese düstere Prognose, die Heinrich Heine seinem Protagonisten Hassan in dem 1821 entstandenen Trauerspiel „Almansor“ in den Mund legt, sollte sich mehr als 100 Jahre später ausgerechnet in Deutschland, dem sogenannten „Land der Dichter und Denker“, auf dramatische Weise bewahrheiten: 1933 ließen die gerade an die Macht gekommenen Nationalsozialisten im großen Stil demonstrativ Bücher missliebiger Autoren verbrennen, und bald darauf qualmten die Krematorien der deutschen Todesfabriken im Osten.

Motor der deutschlandweiten Aktion „Wider den undeutschen Geist“ war in Flensburg die Ortsgruppe des Kampfbundes für deutsche Kultur (KfdK), deren Vorsitzender, der 54 Jahre alte Theaterschauspieler Ferdinand Schröder, während der zentralen Bücherverbrennung auf der Exe am 30. Mai 1933 die „Brandrede“ hielt. Es war – so die Flensburger Nachrichten – ein „Fegefeuer undeutscher Literatur“. Als langjährigem Ensemblemitglied des Flensburger Theaters war es Schröder nie vergönnt, sich sonderlich hervorzutun, doch an diesem Abend beschwor er angesichts lodernder Bücherstapel und vor einem großen, ihm zugetanen Publikum mit theatralischen Gesten und pathetischen Worten die Ziele der Kulturpolitik der neuen braunen Machthaber. Erst kurz zuvor war die Flensburger Ortsgruppe des Kampfbundes für deutsche Kultur gegründet worden mit dem Ziel, „zu retten und wieder zu erwecken, was durch den Zerfall des letzten Jahrzehnts am meisten gefährdet war: Deutsches Seelentum und sein Ausdruck im schaffenden Leben, in Kunst und Wissen, Recht und Erziehung, in geistigen und charakterlichen Werten.“

Der in der Zeitung veröffentlichte KfdK-Aufruf richtete sich an „alle Männer und Frauen Flensburgs, denen die Wiedergeburt deutscher Kultur am Herzen liegt, in die Reihen des Kampfbundes für deutsche Kultur zu treten.“ Unterzeichnet ist dieses Papier von Repräsentanten des örtlichen Kunst-, Kultur- und Bildungsmilieus, zum Beispiel von dem Museumsdirektor Fritz Fuglsang, der Malerin Käte Lassen, dem Bildhauer Heinz Weddig, dem Musikdirektor Emil Magnus, den Pastoren Heinrich Schreimel und Heinrich Kähler, den Studienräten Wilhelm Koopmann, Erich Raddatz, Fritz Graef und Ernst Kleuker (zugleich Lyrikautor der berüchtigten Nazi-Zeitung „Der Stürmer“) – und natürlich von dem Theatermann Ferdinand Schröder, der zusammen mit dem KfdK-Geschäftsführer, dem Architekten Egon Rüchel, die öffentliche Bücherverbrennung auf der Exe vorbereitet hatte. Dafür waren von selbsternannten Zensoren in Bibliotheken und Leihbüchereien viele Zentner „verräterischen und zersetzenden Materials“ aussortiert worden, ergänzt von Schriften und anderen Beutestücken, die die SA bei der Erstürmung des Gewerkschaftshauses einkassiert hatte.


Autoren, deren Bücher verbrant wurden: Karl Marx, Sigmund Freud, Thomas und Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Heinrich Heine.


Folgt man der Berichterstattung, so strömten an diesem verregneten 30. Mai 1933 die Flensburger in großer Zahl zur Exe. „Über 3 Stunden brannte gestern abend der Scheiterhaufen, dem vier große Lasten Papier reichlich Nahrung gaben“, notierten die Flensburger Nachrichten: „Eine lange dunkle Rauchwolke zog sich in den grauen Himmel. Hell züngelten die Flammen, in denen Bücher, Schriften, Transparente und kommunistische Fahnen zu Staub und Asche wurden. Es lag eine Weihe über dem ganzen Bild, die Pg. Ferdinand Schröder in treffende Worte zu kleiden wußte.“

Parteigenosse und Hauptredner Schröder wurde mit den Worten zitiert, dass „in diesen Flammen der Geist verbrannt (werde), der Deutschland in den letzten Jahren vergiftet habe. Sauberkeit und Ehrlichkeit solle fortan in den Bücherschränken der deutschen Volksgenossen herrschen. Es solle vermieden werden, daß solche volksfeindlichen Bücher in Übersetzungen ins Ausland kämen, wo sie nur den Ruf des deutschen Vaterlandes untergraben würden. Das deutsche Schrifttum sei von einem tiefen Glauben beseelt und schildere das wahre Geschehen deutscher Kultur. An diesem Geist solle die Welt genesen!“

Der Kampfbundleiter, der in Parteiuniform auftrat, wies laut Flensburger General-Anzeiger „mit markigen Worten auf die Notwendigkeit der Verbrennung und auf die Pflicht aller Volksgenossen hin, bei dem Abwehrkampfe gegen alles Volksfremde tatkräftig mitzuhelfen.“ „Endlich war auch für Flensburg der Tag gekommen, an dem die deutschbewusste Bevölkerung sich zu einem symbolischen Akt zusammenfand, der durch Verbrennen riesiger Stapel undeutscher Schriften und Bücher um deutschen Geist werben sollte“, freute sich die NS-Zeitung, offizielles Organ der Flensburger NSDAP. Vernichtet worden seien mehrere „Dreckhaufen“ von Schundliteratur, „mit der Juden und Marxisten bewußt unser Volkstum zersetzen wollten, marxistische Zeitungen, deren Spalten mit Lügen und Gemeinheiten angefüllt waren, um einen Nebeldunst um die Gehirne ihrer gläubigen Leser zu legen, und Zeitschriften mit zotigem Inhalt wurden auf den Richtstätten des undeutschen Geistes verbrannt.“

Auf dem riesigen Scheiterhaufen verbrannten Bücher unter anderem von Karl Marx, Sigmund Freud, Thomas Mann, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Alfred Kerr und von Heinrich Heine.

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