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Gewalt an Flensburger Strand : Brutale Schläger wüten in Solitüde

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Geschlagen, getreten, gewürgt: 19-jähriger Auszubildender wird Opfer einer Gruppe von Männern in Monteurskleidung

shz.de von
erstellt am 29.Jun.2017 | 06:51 Uhr

Flensburg | Er wollte sich lediglich mit einem Freund und ehemaligen Mitschülern treffen. Doch die friedliche Zusammenkunft am Strand von Solitüde wurde urplötzlich von massiven körperlichen Angriffen aus einer Gruppe von Männern heraus überschattet, in dessen Verlauf ein 19-Jähriger krankenhausreif geprügelt wurde. Die Täter konnten trotz relativ zügigen Einsatzes von sechs Streifenwagen entkommen.

Der Vorfall erinnert an den folgenreichen Konflikt am Ostseebad vom letzten Sonnabend, auch wenn die Polizei einen Zusammenhang damit ausschließen kann. „Dennoch ist das alles sehr beängstigend“, sagt die Mutter des Opfers. „Ist man an den Flensburger Stränden nicht mehr sicher?“

Justus Kleemann möchte seinen richtigen Namen nicht nennen. Auch ein Foto, auf dem man sein Gesicht erkennen könnte, möchte er nicht in der Zeitung sehen. Zu groß die Angst vor weiteren Übergriffen. „Ich fürchte, die schrecken vor nichts zurück“, sagt er über die Gruppe der Schläger. Der Albtraum, den er erlebte, mag ihm Recht geben. Seine Schilderung der Prügelattacke kann von der Polizei derzeit nicht bestätigt werden – die Kripo ermittelt noch. Sie geht laut Sprecherin Sandra Otte von gefährlicher Körperverletzung aus.

Es klingt glaubhaft, wenn Justus Kleemann erzählt, wie die Auseinandersetzung in der Nacht vom letzten Freitag auf Sonnabend abgelaufen ist. Demnach lässt die Szenerie in unmittelbarer Nähe des Spielplatzes in Solitüde zunächst nichts Bedrohliches erahnen. Er ist nicht das erste Mal hier, zumal Freunde ein paar Meter weiter wohnen. „Wir grillen zusammen, trinken mal ein Bier“, sagt er. „Natürlich habe ich auch schon mal kleine Schlägereien gesehen. Aber dafür gab es auch eine Ursache.“

In jener Nacht sucht man einen Grund dafür, was sich ereignen sollte, vergeblich. Die fünfköpfige Männergruppe nähert sich laut Justus den Jugendlichen bedenklich, der Alkoholkonsum steigt, der Ton wird rauer. Die Männer im Alter zwischen 30 und 40 Jahren hören laute Musik, sie tragen Monteurskleidung der Marke Engelbert Strauss, darüber orangefarbene Warnwesten; in ihrem Bollerwagen führen sie große Mengen Bier und auch Hochprozentiges mit sich. Sie sprechen akzentfreies Deutsch.

Als Justus und sein 17-jähriger Freund gegen 0.30 Uhr aufbrechen wollen, verfolgt der Kräftigste den 2,05 Meter großen Auszubildenden. „Als ich mich umdrehe, verpasst er mir ohne Vorwarnung einen Kopfstoß.“ Der Berufsschüler taumelt, ist völlig überrumpelt. „Dann versucht er mir eine Flasche Bier über den Schädel zu ziehen, trifft aber nicht richtig.“ Justus ergreift die Flucht in Richtung Volleyballfeld, er weiß, dass es jetzt eskalieren wird.

Tatsächlich verfolgen ihn die Männer, eine Flasche trifft ihn am Hinterkopf, ein weiterer Wurf bringt ihn zu Fall. Der Schläger packt ihn am Kragen, schleudert seinen Oberkörper immer wieder auf den Boden. Zwei Kollegen kommen hinzu, sie stopfen ihrem Opfer Sand in den Mund, würgen ihn, treten mit schweren Sicherheitsstiefeln auf ihn ein, die Lippe platzt auf. „Ich war fast bewusstlos, in Panik, habe nur gebetet, dass endlich Hilfe kommt.“ Die kann er von seinem Freund, der selbst Schnittverletzungen an den Armen davongetragen hat, nicht erwarten, er hat genug mit sich selber zu tun. Die anderen Jugendlichen haben inzwischen die Polizei gerufen. „Hätten die sich nicht eingemischt, hätten die Männer meinen Sohn totgeschlagen“, vermutet die Mutter.

Schließlich treffen ein Rettungswagen, fünf Streifenwagen ein und ein Zivilfahrzeug der Polizei ein. Die Beamten nehmen die Verfolgung auf, während Justus medizinisch versorgt wird. Auf dem 1. Polizeirevier entsteht ein Foto des Opfers, „das Gesicht völlig vermatscht“, schildern die Eltern. Erst am nächsten Tag fahren sie ins Krankenhaus. In der Diako wird zweimal eine Computertomografie gemacht. Diagnose: schwere Gehirnerschütterung, die Halswirbelsäule verformt, eine Fraktur könne nicht ausgeschlossen werden. Bis heute leidet Justus unter Schmerzen und Taubheitsgefühlen.

Der Familie liegen inzwischen Videos und Fotos vor, auf denen die Täter teilweise zu erkennen sind. „Das ist der Polizei bekannt“, wundert sich die Mutter, „doch bis jetzt ist das Material nicht angefordert, geschweige denn ausgewertet worden.“ Möglicherweise ist der Fall von den Vorkommnissen am Ostseebad überlagert worden? „Wir sind sofort in die Fahndung gegangen“, versichert Sandra Otte. Noch etwas versteht Justus Kleemann nicht: „Warum konnten die Männer entkommen? Sie waren doch so betrunken, dass sie über ihre eigenen Beine gestolpert sind.“

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