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Flensburger Tageblatt

22. Oktober 2017 | 16:30 Uhr

Brennholz hacken für die Versöhnung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Januar 1947 arbeiteten ehemalige Wehrmachtsoffiziere und Widerstandskämpfer im Handewitter Forst für deutsche Flüchtlinge auf Amrum

shz.de von
erstellt am 07.Jan.2014 | 10:43 Uhr

Trotz ihrer 95 Jahre kann sich Margaret Hickson noch gut an das Lager vor 67 Jahren in Flensburg-Weiche erinnern. Sie ist als einzige der damaligen Teilnehmer noch am Leben.

Anderthalb Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs arbeiteten ehemalige Wehrmachtsoffiziere zusammen mit dänischen, norwegischen und niederländischen Widerstandskämpfern, um deutschen Flüchtlingen zu helfen. Am Neujahrsmorgen 1947 begann die Arbeit im Handewitter Forst. Tagelang wurden Bäume gefällt, die Stämme in ein Meter lange Stücke gesägt, gestapelt und nach Amrum gebracht. Gedacht war das Holz für die frierenden und hungernden Flüchtlinge in den überfüllten Lagern der Insel. „Der Arbeitstag startete um 8 Uhr, und die Freiwilligen wurden zum Arbeitsplatz gebracht. In der Mittagszeit ging es zurück zur Unterkunft und danach wieder in den Wald. Jeden Tag ging eine der Frauen mit und tat mehr oder weniger die gleiche Arbeit wie die Männer“, so beschreibt die Britin Hickson den Arbeitsalltag im Camp. Mit Hilfe ihrer Tochter Jill Blackadder archiviert Hickson ihre Erinnerungen, Bilder und Dokumente, um sie Historikern zur Verfügung zu stellen: „Meine Mutter hat sehr klare Erinnerungen an das Lager“, sagt Blackadder.

Die Arbeiter des Lagers waren in einer Baracke des ehemaligen Fliegerhorst Weiche untergebracht – zu dem Zeitpunkt selbst Flüchtlingslager. Organisiert wurde das Lager vom Internationalen Freiwilligen-Dienst für den Frieden (International Volunteer Service for Peace – IVSP).

Der Flensburger Bertram Schröter arbeitete Jahre später selbst als Freiwilliger für die Organisation. Er recherchiert und sammelt Dokumente über die Arbeitseinsätze des IVSP. Beim Lager in Flensburg kümmerte sich der Freiwilligendienst um die Verpflegung und den Kontakt zur Britischen Armee. „Das Wetter war extrem kalt, und an einem Nachmittag entwickelte es sich zu einem Schneesturm“, schreibt Hickson. Verpflegung gab es dagegen ausreichend – nicht alltäglich für diese Zeit: „Wir erhielten neben den deutschen Rationen, Zuschüsse aus englischen Beständen“, sagt sie. Der Leiter des Freiwilligencamps, Ralph Hegnauer, berichtet über das Lager: „Die Unterkunft war einfach, aber angemessen. Bei Außentemperaturen von minus 5 bis minus 17 Grad war es jedoch schwierig, die Baracke einigermaßen warm zu halten. Wasser war nur stundenweise und Licht gelegentlich erhältlich.“ Je ein Deutscher und ein ausländischer Helfer waren zusammen untergebracht.

Gearbeitet wurde ebenfalls in gemischten Gruppen, Hickson zufolge funktionierte das sehr gut. Neben der Arbeit wurde in den Abenden oft heftig diskutiert: „Nie vergessen werde ich die leidenschaftlichen Streitgespräche über Machtstreben, Patriotismus und Unterdrückung – über Freiheit, Unabhängigkeit und politische Demokratie“, berichtet der Lagerleiter Hegnauer. In Flensburg-Weiche trafen nur kurze Zeit nach Ende des Krieges frühere Besatzer und Besetzte zusammen. „Es wurde um Verständnis und Hoffnung geredet und geredet und manchmal geschrien – oder bis zum nächsten Ausbruch trotzig geschwiegen“, schreibt Hegnauer. Besucher des Camps schreiben in Berichten von einer „besonderen Atmosphäre“, und Hickson beschreibt den Arbeitseinsatz abschließend: „

 



Das bestimmende Wort beim ganzen Einsatz war Freundschaft.“ Für Margaret Hickson war das Camp mehr als nur ein Freiwilligeneinsatz. Hickson und einer der Teilnehmer und Mitarbeiter der IVSP, Stan Slee, verbrachten während des Camps viel Zeit miteinander. Nur wenig später heirateten beide.

Bertram Schröter erlebte persönlich sowohl den Krieg als auch die Nachkriegszeit mit. Das Arbeitscamp in Flensburg-Weiche ist für ihn eine außergewöhnliche Sache: „Dieser Dienst war in dieser Zeit etwas ganz besonderes.“

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