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Feuer am Flensburger Bahnhof : Brennende Züge: Drei Jahre Haft für 49-Jährigen

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Immer wieder soll ein Flensburger abgestellte Züge abgefackelt haben. Sein Job war Müll sammeln und Toiletten reinigen – unter hoher Arbeitsbelastung. Eine Gutachterin sieht das als Auslöser für die Brandstiftungen.

shz.de von
erstellt am 05.Feb.2015 | 12:08 Uhr

Flensburg | Zu viel Arbeit, kaum Freizeit, keine Familie, Alkohol - es kommen viele Faktoren zusammen, die einen Flensburger derart frustrieren, dass er zu zündeln anfängt. Immer an seiner Arbeitsstätte: nachts am Bahnhof.

Sechs Monate nach Aufklärung der Brandserie am Flensburger Bahnhof ist ein 49 Jahre alter Mann zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Das Landgericht Flensburg befand den ehemaligen Mitarbeiter einer Bahn-Reinigungsfirma am Donnerstag für schuldig, zwischen Silvester 2010 und Juni 2014 insgesamt achtmal in Zugtoiletten Feuer gelegt zu haben. Zudem ordnete das Gericht die sofortige Unterbringung des alkoholabhängigen Mannes in einer Entzugsklinik an.

Der Flensburger hatte die Taten gestanden, bei denen ein Sachschaden von fast 700 000 Euro entstanden war. Das Gericht folgte mit seinem Urteil der Forderung der Staatsanwaltschaft.  Der Angeklagte, der laut einer Gutachterin eine Persönlichkeitsstörung und eine Intelligenzminderung aufweist, habe „in fast vollständiger sozialer Isolation“ gelebt, sagte die Vorsitzende Richterin. „Sein einziger Lebensinhalt war seit fast 30 Jahren seine Tätigkeit bei der Bahn.“ Dort sei der als gutmütig beschriebene Mann „fast schon ausgenutzt“ worden. Der 49-Jährige habe nahezu jede Nacht gearbeitet, habe kaum frei gehabt und keinen Zusatzlohn für seine Vorarbeitertätigkeit bekommen. „Er hat immer schneller und schneller wie ein Hamster im Rad gedreht“, sagte die Verteidigerin. Er sei kein klassischer Brandstifter, habe nie Menschen gefährdet, sondern sei „ein anständiger Mann“, der immer gearbeitet habe - die „durchgeknallten Taten“ seien spontane Übersprungshandlungen gewesen.

Auch gegen schlechte Arbeitsbedingungen wie einen ungeheizten Pausenraum wehrte er sich den Schilderungen zufolge nicht. „Er war unfähig, sich für seine Belange adäquat einzusetzen“, sagte die Richterin. Bei dem Mann, der keine Familie und nur einen einzigen Freund hat, staute sich nach Auffassung des Gerichts Frust an. Er griff zur Flasche, wurde abhängig vom Alkohol. Dann zündelte er dort, wo er arbeitete - in zu reinigenden Zugtoiletten.

Ehemalige Kollegen des 49-Jährigen hatten dessen hohe Arbeitsbelastung geschildert. Eine Sachverständige deutete die Brände als Frustbewältigung. Eine Therapie habe hohe Erfolgsaussichten, sagte die Richterin.

Nach dem Ende der Maßnahme solle die Haft zur Bewährung ausgesetzt werden. Für den Mann sprach laut Gericht unter anderem sein Geständnis, ohne das die Taten Ende Juli 2014 kaum hätten aufgeklärt werden können.

Zuletzt wandte sich die Richterin direkt an den Angeklagten: Er brauche mehr soziale Kontakte, sagte sie fast schon fürsorglich. „Ein Freund allein ist ein bisschen wenig.“

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