Kultur in Flensburg : Breitseite gegen die Rathaus-Spitze

Abschiedsgeschenk: Dieter Dockhorn (l.), Geschäftsführer des Fördervereins, überreicht Thomas Overdick ein persönliches, von Rainer Prüß gestaltetes Zertifikat, das auch bei Arved Fuchs und Claus-Otto-Hansen (r.) für große Heiterkeit sorgte.
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Abschiedsgeschenk: Dieter Dockhorn (l.), Geschäftsführer des Fördervereins, überreicht Thomas Overdick ein persönliches, von Rainer Prüß gestaltetes Zertifikat, das auch bei Arved Fuchs und Claus-Otto-Hansen (r.) für große Heiterkeit sorgte.

Bei seiner Verabschiedung benannte der Leiter des Schifffahrtsmuseums, Thomas Overdick, die Defizite bei der Gestaltung der Zukunft

shz.de von
23. März 2017, 06:28 Uhr

Wenn ein verdienter Mitarbeiter geht, bricht er normalerweise unter der Last der lobenden Worte fast zusammen. Thomas Overdick blieb stehen, bedankte sich bei seinem Team – und holte aus. In nicht erwarteter Deutlichkeit legte er am Dienstagabend bei seiner offiziellen Verabschiedung den Finger in zahlreiche Wunden. „Wo geht es mit diesem Hause hin?“ Das war seine zentrale Frage, verbunden mit der Kritik an einer im Rathaus vorherrschenden Haltung des Abwartens, Bremsens und Blockierens.

Die gestoppte Zertifizierung des Schifffahrtsmuseums – und auch des Museumsbergs – mag der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen und Overdick zur überraschenden Kündigung gebracht hat. Wie berichtet, wechselt er zum 15. April zur Senatsverwaltung in Hamburg, um dort die Projektleitung für den Aufbau des Deutschen Hafenmuseums zu übernehmen, für den der Bund 120 Millionen Euro zur Verfügung stellt. Dort wird Overdick nicht um eine halbe Stelle für das Sekretariat, um eine Aufstockung der Stundenzahl für die Museumspädagogik, um eine kleine Werkstatt für die ehrenamtlichen Helfer oder um eine Volontariatsstelle betteln müssen.

In Schleswig-Holstein ist die Zertifizierung für Museen seit rund drei Jahren obligatorisch; auch die beiden Flensburger Museen haben entsprechende Vorarbeiten geleistet, doch die Museen „haben sich daran die Zähne ausgebissen“, sagte Claus-Otto Hansen, Vorsitzender des Fördervereins. Die Stadt wollte sie in der vorgelegten Form offenbar nicht mitgehen, so Hansen. „Das Schifffahrtsmuseum ist zertifizierungsreif“, stellte hingegen Kultusministerin Anke Spoorendonk in ihrer Rede klar; dass die Zertifizierung noch fehle, liege nicht am Museum. In naher Zukunft wird eine finanzielle Förderung der Museen von einer Zertifizierung abhängig sein; sie beinhaltet nicht zuletzt auch Konzepte für die Zukunft.

Das mag in Flensburg der Haken gewesen sein. „Was heißt eigentlich Expansion?“, fragte Overdick in seiner Rede. Sei eine Volontärsstelle bereits Expansion? Es gehe um einen „Grundgeist“. Schon bei der Eröffnung 2012 nach Umbau und Erweiterung des Museums habe er gesagt, es reiche nicht, Beton, Stahl und Glas hinzustellen. Man müsse die neuen und zusätzlichen Räume mit Leben und Inhalten erfüllen, man müsse Konzepte und Ideen für den Fall entwickeln, dass Mäzene auftauchen oder Förderprogramme aufgelegt werden.

Doch im Rathaus scheint man anders zu denken. Erst in diesen Tagen, über zwei Monate nach Overdicks Kündigung, ist seine Stelle ausgeschrieben worden – stadtintern. Overdick war seinerzeit vom Freilichtmuseum Kiekeberg gekommen, seine Aufgabe war die Erweiterung und Neukonzeptionierung des Museums. Damit war er überaus erfolgreich, hat Ausstellungen entwickelt, die anschließend „auf Tournee“ gingen, hat internationale Tagungen nach Flensburg geholt, den Aufbau des Historischen Hafens mit angestoßen, sich mit zahlreichen kulturellen Akteuren vernetzt – er hat im wahrsten Sinne des Wortes Musik ins Museum geholt. „Was wäre die Hofkultur ohne das Schifffahrtsmuseum?“, fragte Anke Spoorendonk. Der Nachfolger – oder die Nachfolgerin – soll „Kontinuität“ walten lassen, sagte Stadtsprecher Clemens Teschendorf. „Wir glauben, dass es das Anforderungsprofil in unseren Reihen gibt.“

Der laufende Zertifizierungsprozess sei in dem Moment gestoppt worden, als es um Konzepte und Visionen für die Zukunft ging, sagte Dagmar Rösner, zuständige Mitarbeiterin des Kultusministeriums. Beide Museen seien professionell und hervorragend aufgestellt, alle Anforderungen und Bedingungen seien zuvor erfüllt worden. Kommentar: siehe links

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