Kolonialgeschichte : Blick auf ein dunkles Erbe

Geschichte der Sklaverei: Susanne Grigull vom Schifffahrtsmuseum mit Jens Galschiøts Arbeit der in qualvoller Enge im Laderaum aneinander geketteter Sklaven.
Geschichte der Sklaverei: Susanne Grigull vom Schifffahrtsmuseum mit Jens Galschiøts Arbeit der in qualvoller Enge im Laderaum aneinander geketteter Sklaven.

Das Schifffahrtsmuseum bereitet ein deutsch-dänisches Forschungsprojekt zur Kolonialherrschaft in Westindien vor.

shz.de von
26. Mai 2015, 11:30 Uhr

Flensburg | Das Flensburger Schifffahrtsmuseum wagt sich mit dem dänischen Museum Sønderjylland-Kulturhistorie Aabenraa und dem Ziegeleimuseum Cathrinsminde an das vermutlich ambitionierteste Projekt, das im Grenzland je umgesetzt wurde. Unter dem Titel „Koloniales Erbe Dänisch-Westindien“ soll die für den Handel erfolgreiche, für die in die Sklaverei verschleppten Afrikaner verheerende Episode des Westindienhandels erforscht und aufbereitet werden. Die von Museumspädagogin Susanne Grigull eingebrachte Beschlussvorlage stieß bei allen Fraktionen im Kulturausschuss auf allergrößte Zustimmung. Der Beschluss fiel einstimmig. Ein Projekt zur dänischen Kolonialzeit in Übersee ist zwangsläufig auch ein Flensburger Projekt.

Es geht um viel Geld. Weit über 500  000 Euro werden benötigt. Dafür entsteht – auch unter Beteiligung der Schleswigschen Sammlung in Kopenhagen und Schleswig – ein grenzübergreifendes Gemeinschaftsprogramm mit regionalen und überseeischen Forschungsprojekten, Ausstellungen, Kulturveranstaltungen (Karibik-Schwerpunkt der Folk-Baltica) und einer (teils virtuellen) Fachtagung für bis zu 40 000 Teilnehmer. Um die andere Seite, die der Nachfahren der verschleppten Sklaven in dieses Projekt einzuweben, soll befristet die Stelle eines hochkarätigen Wissenschaftlers oder Kurators aus der Karibik eingerichtet werden. Die Finanzierung – das segnete der Ausschuss ab – soll zu 75 Prozent aus Interreg-5a-Mitteln und Fördertöpfen des Bundes erfolgen. Flensburgs Eigenanteil wird durch Personalleistung und Haushaltsmittel des Museums abgedeckt. Die Förderanträge sind unterwegs, Grigull rechnet mit Bescheiden bis zum Ende des Jahres – positiven, wie sie inständig hofft.

Das Museumsprojekt ist nicht weniger als ein Versuch der Bewältigung einer problematischen Vergangenheit. 2017 schien Grigull ein gutes Datum, um auch in der damals dänischen Stadt Flensburg damit zu beginnen. „Im Grunde verfolgen wir eine Idee, die aus der Zusammenarbeit mit Sonderburg zu dessen Bewerbung um die europäische Kulturhauptstadt 2017 entstanden ist“, sagt sie. Auf das Jahr 2017 fällt auch der 100. Jahrestag des Verkaufs der drei Inseln St. Thomas, St. John und St. Croix an die Vereinigten Staaten, die für 25 Millionen Dollar das Kapitel dänischer Kolonialherrschaft beendeten.

Ein Kapitel, das gerne verdrängt wird: Dies war in der Sitzung keine Bemerkung aus deutschem, sondern dänischem Munde. Martin Lorenzen (SSW) war voll des Lobes für ein Projekt, von dem er sich große Impulse für die Diskussion in Dänemark erhofft. „Mit der Aufarbeitung von Geschichte ist man in Deutschland weiter“, stellte er fest. „Diese Gedanken nach Dänemark zu tragen, ist eine große Sache.“ In diesem Zusammenhang erinnerte Grigull an die Skulptur der Afro-Danes. Der Künstler Jens Galschiøt hatte den Entwurf von in qualvoller Enge im Laderaum aneinander geketteter Sklaven für einen Wettbewerb der Stadt Kopenhagen eingereicht. Die wollte für das (nach dessen Übersiedelung nach Flensburg) frei gewordene Fundament des Idstedt-Löwen eine Nachfolge-Skulptur. Unter ungeklärten Umständen sei der Wettbewerb aufgehoben und das Fundament rasch abgetragen worden. Jetzt will das Schifffahrtsmuseum das Modell der Skulptur dauerhaft für seine Westindien-Sammlung ankaufen, in der es jetzt leihweise ausgestellt wird.

Die forschenden Blicke werden nicht nur auf die Geschichte der Sklaverei gerichtet sein. Auch die Ziegeleien werden eine große Rolle spielen. Auf dem Hinweg dienten Mauersteine aus der Region als Ballast, vor Ort als Baustoff. Neuere Analyseverfahren können jeden einzelnen Stein seiner Ziegelei zuordnen. Ferner geht es um die Lokalisierung und Aufbereitung lokaler Erinnerungspunkte, von denen es zwischen Eider und Königsau viele geben dürfte, so Grigull – und um Werbung und Vermittlung dieses regionalen Blicks auf die Kolonialgeschichte.

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