Blick auf die Jahresringe der wachsenden Stadt

Nach der Jahrzehnte dauernden Stadtsanierung bieten die Altstadtviertel westlich und östlich des Hafens wieder ein geschlossenes Bild. Foto: Michael Staudt
Nach der Jahrzehnte dauernden Stadtsanierung bieten die Altstadtviertel westlich und östlich des Hafens wieder ein geschlossenes Bild. Foto: Michael Staudt

Flensburg dehnt sich mit den Neubauten an der Bismarckstraße und der Straßenbahn nach Mürwik aus / Morgen laden die Gesellschaft für Stadtgeschichte und das Tageblatt in die Phänomenta

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11. August 2012, 06:58 Uhr

Flensburg | Heute genau vor hundert Jahren, am 11. August 1912, flog der Zeppelin "Hansa" über die Stadt. Die Flensburger waren aus dem Häuschen. Mit an Bord: Ein Fotograf mit seiner gewaltigen Plattenkamera, der die ersten Luftbilder der Stadtgeschichte aufnahm. Zum Jubiläum hat die Stadtredaktion diese Aufnahmen von damals Luftbildern der Gegenwart gegenübergestellt und präsentiert zusammen mit dem Stadtarchiv in zehn Folgen ein einmaliges Dokument der städtischen Entwicklung und Veränderung.

Es war purer Zufall, dass im August 1912 das Luftschiff "Hansa" über Jürgensby fuhr - gerade, als ein weiterer Wachstumsschub der Stadt sichtbar wurde. Dringend benötigten die neuen Marineanlagen in Mürwik einen Anschluss an und Versorgung durch die Stadt. Beschlossen wurde die große Lösung: die Eingemeindung Mürwiks und weiterer Dörfer an der östlichen Stadtgrenze 1910. Die Verkehrsanbindung wurde geschaffen mit dem Bau der Bismarckstraße auf die Jürgensbyer Höhe und der Fortsetzung nach Mürwik, der Kaiser-Wilhelm-Straße - nach dem Zweiten Weltkrieg in Mürwiker Straße umbenannt.

Entlang dieser neuen Achse war es attraktiv zu bauen, und zahlreiche Investoren nahmen Geld in die Hand. So ist entlang der Bismarckstraße auf dem alten Luftbild eine Reihe neuer, mehrstöckiger Wohnhäuser zu sehen. die noch im Bau sind. Hier legte sich ein neuer Jahresring um die Altstadt.

Noch schneller waren die Bauherren am St.-Jürgen-Platz. Die Brixstraße zeigt schon ein abgeschlossenes Gesamtbild neuer Fassaden. Der Erbe der Brixschen Höfe und Felder war Nicolaus Brix, der den Besitz seinen Schwestern hinterließ. In seinem Buch "Flensburger Straßennamen" schildert Dieter Pust, wie die Stadt das Land "auf Raten" erwarb. Vereinbart war der Verkauf von neun Hektar, 65 Ar, 1900/1901 für 90 000 Mark und ein Jahr darauf neun Hektar und 44 Ar für 88 000 Mark. Damit war der Weg frei für die Bebauung der Brixstraße und ihrer Umgebung, etwa Jürgensgaarder, Ulmen- und Eichenstraße. Die Jürgensgaarder Straße sollte zum Zeitpunkt des Überfluges erst später den Sprung über die Bismarckstraße schaffen und das Gelände bis zur Glücksburger Straße erschließen. Auf dem alten Bild endet sie neben dem Schulhof der späteren "Willy-Weber-Schule" im Nichts.

Zum guten Anschluss Mürwiks gehörte nicht nur der Straßenbau, sondern auch ein öffentliches Verkehrsmittel. In der Einmümdung des Stummels der künftigen Mommsenstraße in die Bismarckstraße - links davon der Beginn der Häuserreihe Clädenstraße - wird die moderne Zeit sichtbar: die elektrische Straßenbahn. Ein Wagen der Linie 3 ist gerade unterwegs nach Mürwik, vielleicht hat der Fahrer auch gerade dort angehalten, um sich und seinen Fahrgästen den Blick auf den heran schwebenden Zeppelin zu ermöglichen.

Auch diese Straßenbahnlinie ist Beleg für die wachsende Stadt. Über den Südermarkt hinaus waren die Schienen durch die steile Angelburger Straße hinauf zum Hafermarkt verlegt worden, dann weiter durch die Bismarckstraße bis nach Mürwik, an die Endhaltestelle Kelmstraße. In den 1950er Jahren wurde die Bahn durch den Bus abgelöst.

Markant auf dem alten Foto ist links der Brixstraße die freie Fläche, auf der die heutige Goetheschule entstehen wird. Etwas weiter nach rechts, gegenüber dem grünen Quadrat des St.-Jürgen-Platzes, der Komplex der Willy-Weber-Schule, heute Teil der Goetheschule. Bemerkenswert, wie konsequent die Baumeister von einst die Häuser im Karree gebaut haben. So scheinen idyllische Höfe entstanden zu sein. Allerdings berichten manche Anwohner, dass diese Umfassung sehr stark Schall reflektiert.

Das Johannisviertel unterhalb der Hangkante ergibt mit seiner Bebauung ein geschlossenes Bild. Der Abriss von Fabrikbauten und die langjährige Nutzung dieser Grundstücke als "wilde Parkplätze" ist - aus der Luft gesehen - repariert.

Sehr komplex auch hinter den Fassaden der Norderhofenden das Gebiet entlang der Speicherlinie. In diese typischen Höfe wurde die Erschließungsstraße hineingebaut. Sanierungen und Neubauten vermitteln ein intaktes Stadtbild.

Darin stört allerdings der vor Jahrzehnten hinter der Alten Post errichtete Technikbau des damaligen Fernmeldeamtes. Der gelbliche Klotz passt mit seinen Dimensionen nicht in die Altstadt. Sicherlich hatte dessen Größe noch ihre Berechtigung, als Telefonate mit Relaistechnik verbunden wurden. Die heutige Elektronik kommt mit wesentlich weniger Fläche aus. So sind Etagen des Gebäudes an andere Nutzer vermietet. Allerdings: Könnte der Bau nicht im Sinne einer Reparatur des Stadtbildes etagenweise abgebrochen werden?

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