Liedermacher in der Zentralbibliothek : Biermann gedenkt: Durch den Rippenkasten ins Herz

Gewohnt streitbar: Wolf Biermann in der Zentralbibliothek.  Foto: dewanger
Gewohnt streitbar: Wolf Biermann in der Zentralbibliothek. Foto: dewanger

Liedermacher in der Zentralbibliothek: Eigenwilliges Epitaph für einen Deserteur

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04. Februar 2012, 07:26 Uhr

Flensburg | Die dänische Minderheit hatte ihn in die Zentralbibliothek eingeladen zum Rahmenprogramm der Ausstellung über die NS-Militärjustiz in Flensburg. Und Wolf Biermann machte sofort klar, dass er etwas zum Thema des Abends beizutragen gedenke. Biermann hat Freunde in Neukirchen an der Förde, und Neukirchen ist der Heimatort des Wehrmachtoffiziers Asmus Jepsen, der noch Tage nach Kriegsende in Tremmerup als Deserteur hingerichtet worden war. Hingerichtet, weil er am 5. Mai 1945 in Mürwik keinen Sinn mehr im längst verlorenen Krieg gesehen und sich auf den Weg nach Hause gemacht hatte.

Für diesen Asmus Jepsen hat Liedermacher Biermann einen Grabspruch gedichtet: "Stilltapfer tat er seine Pflicht beim großen Morden. Dann warn die tausend Jahre um, das Spiel war aus. Totaler Krieg total verlorn - das war ihm klar", heißt es im "Epitaph für Asmus Jepsen im Lande Angeln". Doch darf man so über "einen ermordeten Mörder" reden und schreiben, fragt Biermann selbst - und in der ersten Reihe im mit 200 Gästen vollbesetzten Saal sitzt unter anderem ein Neffe aus der Familie Jepsen aus Neukirchen.

Es sei ihm klar, dass man jemanden damit durch den Rippenkasten ins Herz greife, sagt Biermann, aber billiger sei es eben nicht zu haben, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen. Zum ersten Mal hatte er Jepsens Grabspruch den drei betagten Töchtern in Neukirchen vorgetragen, der Pastor war auch dabei. "Nicht von oben herab als der Klugscheißer der Weltgeschichte", erzählt Biermann, sei er nach Neukirchen gefahren und gesteht: "Ich war heilfroh, als ich das hinter mir hatte." Doch wer, wenn nicht Wolf Biermann darf das, der selbst ein Opfer dieses Krieges war: Der Vater als Jude in Auschwitz verbrannt, er selbst als Sechseinhalbjähriger mit der Mutter in Hamburg 1943 eben gerade aus den Flammen des Bombenkriegs entkommen, in einer Nacht, als mehr als 40 000 Hamburger starben. Mit diesem Erlebnis im Herzen eingebrannt sei er immer sechseinhalb geblieben, so Biermann. Sonst wäre er nicht Dichter und Lieder-Poet geworden. Das könne man nur, wenn man auf einem Auge den kindlichen Blick behalte. "Tja, hätte ihn keiner verpfiffen, dann hätten die Menschenfänger nicht den tapfren Deserteur noch weggeschleppt zum allerletzten Kriegsgericht", dichtete Biermann weiter über die Angeliter Tragödie: "Und hätt’ des toten Führers strammer Admiral Karl Dönitz nicht in Mürwik feige unterschrieben - Das Todesurteil wegen Feigheit vor dem Feind, wär dieser Asmus Jepsen unter uns geblieben."

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