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Warte nicht auf bessre Zeiten : Biermann-Bilanz mit 80: Ein grau gewordenes Kind, das immer noch staunt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Flensburger Audimax erzählt der Hamburger Texte- und Liedermacher aus seinem Leben und lässt aus seiner Autobiographie lesen

Auschwitz steht am Anfang. In seiner Autobiographie beschreibt Wolf Biermann, wie sich die Menschen in Hamburg sammeln für den Transport ins Konzentrationslager, den Wellensittich im Käfig anstelle eines Koffers mitnehmen, wohl ahnend, dass sie doch nichts anderes brauchen, eine Postkarte schicken von der Endstation.

Auschwitz ist der Anfang und das Ende seiner Familie. Die Schilderungen erdrücken schon, aber Wolf Biermann datiert sein Schlüsselerlebnis des Lebens auf die Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943. Mit dem Gesicht im Mantel der Mutter fasst der kleine Wolf Urvertrauen, während die Welt untergeht. Emma Biermann rettet ihren Jungen vor der Feuersbrunst und dem Ertrinken, als Briten und Amerikaner unter dem Codenamen „Operation Gomorrha“ Hamburg aus der Luft angreifen. Er war sechseinhalb, sagt Biermann, so alt sei er immer noch. „Ich bin ein grau gewordenes Kind, das immer noch staunt.“ Alles vorher, alles nachher habe er vergessen, aber „diese eine Nacht hat sich eingebrannt.“

Eine Legende unterbricht man nicht gern. Und wenn so ein Biermann erst mal in Fahrt kommt, ist er kaum zu bremsen. Martin Schulte, beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag zuständig für Kultur, als Gesprächspartner und Gastgeber hält sich zurück und lässt den Dichter und Denker denken und dichten.

Viele wollen hören und sehen, was Wolf Biermann zu sagen hat. So viele, dass der Raum für sie im Medienhaus nicht reichen würde und sie am Montagabend stattdessen das Audimax auf dem Flensburger Campus füllen. Lesen lässt Biermann die Kapitel aus seiner Autobiographie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ jemand anderen – auf Anraten seiner Frau Pamela. René Rollin, Schauspieler am Schleswig-Holsteinischen Landestheater, überträgt die Dramatik mit seiner Stimme. Der gebürtige Thüringer, Jahrgang 1962, hat kurz vor dem Mauerfall einen Ausreiseantrag gestellt und blieb danach doch. Fürs Lesen aus dem Biermann-Buch hat er seine Weihnachtsfeier am Theater sausen lassen.

Zum autobiografischen Schreiben habe ihn seine Frau gequält, verrät Biermann, er sei eher der Sprinter denn der Marathon-Mann. Die Arbeit erleichtert haben zwei Korrektive: Pam und der PC, auf dem inzwischen sämtliche seiner Tagebücher einen digitalen Platz haben, und seine Stasi-Akten, „deutsche Wertarbeit“, wie er sagt. „Ich will die Wahrheit schreiben“, beteuert Biermann.

„Das Buch handelt im Grund davon, dass ich diese kommunistische Utopie überwunden habe“, sagt er, der gerade 80 geworden ist und sich viel jünger benimmt. Mancher mag kurz erschrecken über seine Worte von der „idealen Endlösung der sozialen Frage“, wo Unterdrückung sein muss, doch die Erklärung erleichtert: „Ich will auf Erden mit den Widersprüchen leben.“

Biermann röhrt und grummelt, zeigt, dass er sächseln kann und lachen über sich selbst. Aus den Zeilen, zwischen den Zeilen und auch mal vom Band erfahren die vielen älteren und wenigen jüngeren Zuhörer im Audimax von Biermanns Einstieg ins Theater in Berlin, heimlichen Hinterhof-Aufnahmen mit Jazzern, nachdem der Liedermacher-Erfinder ab 1965 verboten war, seinen Begegnungen mit Margot Honecker, geborene Feist, und der Auseinandersetzung um das Gedicht von 1962 „An die alten Genossen“, das das Politbüro als konterrevolutionär deutete. „Dieses harmlose Gedicht war mein Entree in den Konflikt“, resümiert der Lyriker und ist dankbar für das Rückgrat, das ihm seine Eltern in die Wiege legten. Er habe „niemals geschleimt“, heißt es in seiner „Bilanz-Ballade im 80. Jahr“, mit der er den offiziellen Teil des Abends beschließt und am Büchertisch bei Spiegelschrift-Autogrammen im Gespräch bleibt.

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erstellt am 14.Dez.2016 | 15:15 Uhr

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