Bewegung in der wachsenden Stadt

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Flensburg wird allen Prognosen zufolge in den nächsten Jahren deutlich größer – was bedeutet das für den Verkehr?

shz.de von
14. Juni 2014, 14:51 Uhr

Die wachsende Stadt Flensburg mit ihrer regen Bautätigkeit, den Neubaugebieten im Südwesten, Südosten und Osten sowie dem größer werdenden Campus – ist sie mit ihrer Verkehrsinfrastruktur überhaupt auf Einwohnerzahlen vorbereitet, die irgendwann die magische Zahl 100 000 überschreiten könnten?

Besuch bei einem, der es wissen müsste. Apenrader Straße 22, Busdepot von Aktivbus. Paul Hemkentokrax (48) führt seit 15 Jahren die städtische Busgesellschaft (genauer Stadtwerke-Tochterfirma) Aktiv-Bus. Seit diesem Jahr ist er außerdem Geschäftsführer des Flensburger Hafens und des Flughafens Schäferhaus.

41 Busse, die zweieinhalb Millionen Kilometer im Jahr zurück legen, und 14 Millionen Fahrgäste – das ist das Herz von Hemkentokrax’ Reich – ein Reich, das vom Angebot her mit dem einer doppelt so großen Stadt mithalten könne: „Tatsache ist, dass wir auf fast allen Straßen fahren, auf denen man Busverkehr machen kann“, sagt Hemkentokrax. Schwierig seien lediglich Strecken wie die Schlossstraße.

Angesichts wachsender Quartiere am Stadtrand werde das Liniennetz ohnehin fortwährend optimiert. Jüngstes Beispiel: Die neue Ringlinie 5, die Innenstadt und Campus über die Ringstraße mit den Wohnvierteln im Osten Flensburgs verbindet. Erster Trend: „Wir haben schon zehn Prozent mehr Fahrgäste auf der Linie“, verrät der Aktiv-Bus-Chef.

Im Visier haben die Busnetzplaner auch den Stadtteil Weiche, wo Flensburg im vergangenen Jahrzehnt rund um die Gartenstadt am stärksten gewachsen ist. Bei einer Gesprächsrunde am 2. Juli wolle man mit den Bürgern über die Busanbindung Weiches ins Gespräch kommen, sagt Hemkentokrax. Das Problem: „Der Stadtteil ist in den vergangenen Jahren um 30 Prozent gewachsen, aber die Fahrgastzahlen sind gleich geblieben.“ Eine Überlegung: Macht auch für Weiche eine Ringlinie Sinn? Verbesserungen zum Fahrplanwechsel würden auch für Kauslund im Osten geprüft – und die Anbindung des neuen Viertels Hochfeld sei ein Dauerbrenner. Flensburgs jüngstes Wohnviertel südlich von Sünderup findet die nächste Haltestelle derzeit an der Ringstraße in Sünderup Nord. Das reizt nicht, den Wagen im Carport stehen zu lassen.

Was schon eher reizen könnte, sind die wachsenden Verkehrsmengen in der Innenstadt: Täglich mehr als 36 000 Autos, die das Deutsche Haus passieren – und an der Zob-Kreuzung sind es 31 000 auf dem Hafendamm und 26 000 auf den Norderhofenden. Wohl bemerkt: 28 000 Autos, die täglich über die Osttangente nach Tarup, Jürgens, Engelsby, Fruerlund oder Tarup fahren, belasten die City schon nicht mehr.

Hemkentokrax hält das Takt-Angebot seiner Buslinien für ausreichend – lieber 20-Minuten-Takt und dafür möglichst lang im Tagesverlauf. Vom Bahnhof werde alle zehn Minuten gefahren. Nach dem Fahrplanwechsel im Dezember, wenn Flensburg per Bahn im Halbstundentakt an Hamburg angebunden werden soll, will er auch hier nachbessern: „Das Land hat uns diese zweite stündliche Anbindung geschenkt, weil sie genau wissen, dass wir gefangen sind. Dauerprobleme am Elbtunnel, dreispuriger Ausbau Bordesholm und die Schwierigkeiten rund um die Rader Hochbrücke. „Ich gehe davon aus, dass wir eine spürbare Verlagerung auf die Schiene bekommen: zehn Prozent halte ich für realistisch“, sagt der Bus-Chef.

A propos Bahnhof: „Ich halte den jetzigen Standort für in Ordnung“, meint Hemkentokrax – 400 Meter vom Neumarkt entfernt liege der doch fast mitten in der Stadt. Wer einen Fernbahnhof in Weiche plane, müsse am Ende womöglich nicht nur einen Bahnhof in Schuss halten, sondern gleich drei – den jetzigen Hauptbahnhof, Weiche und einen möglichen City-Haltepunkt. Viel wichtiger sei doch, dass die kaum zumutbare Situation ein Ende habe, dass die Flensburger bis nach Hamburg mehr als zwei Stunden im Zug sitzen müssten: „Da waren die Dampfloks 1956 schneller“, schimpft Hemkentokrax. Der Interregio soll das in den 90er-Jahren in einer Stunde und 45 Minuten geschafft haben.

Angesichts von 50 000 Autos jeden Tag rund um die Zob-Kreuzung müsse man sich auch fragen, welche Stadtentwicklung betrieben werden soll. Sein Beispiel ist Göteborg: „Will ich den Verkehr generell in der Stadt haben oder baue ich Parkplätze wie die Exe vernünftig aus?“ Weniger Verkehr in der Innenstadt bedeute schließlich mehr Lebensqualität.

Und schließlich müsse sich Flensburg überlegen, was es an seinen guten Wasserstandorten machen will: Hafenspitze, Harniskaispitze & Co. So wie Sonderburg zum Beispiel das Alsion erfunden hat. „Das darf man nicht in Legislaturperioden denken – und Denkverbote darf es schon gar nicht geben.“

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