Landgericht Flensburg : Bewährung nach Sex-Angriff an der Stillen Liebe

Flensburger Landgericht.
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Flensburger Landgericht.

Ein 30-jähriger Flensburger muss wegen Nötigung einer Schülerin 14 Monate in Haft. Die Eltern des Opfers sind bestürzt.

Gunnar Dommasch von
30. März 2017, 06:04 Uhr

Flensburg | Er ist noch einmal davongekommen. Ein wegen versuchter Vergewaltigung einer 16-jährigen Schülerin angeklagter Mann wurde am Mittwoch von der II. Großen Strafkammer des Landgerichts zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt – wegen Nötigung. Die Strafe ist für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Dem geständigen Angeklagten werden ein Bewährungshelfer und ein rechtlicher Betreuer zur Seite gestellt. Zudem muss er sich einer Sexualtherapie unterziehen. A., der noch am ersten Verhandlungstag in Handschellen vorgeführt worden war, ist somit de jure auf freiem Fuß.

Ebenso wie bei der Zeugenaussage des Opfers und der Verlesung des psychiatrischen Gutachtens war die Öffentlichkeit bei den Plädoyers am vierten Verhandlungstag ausgeschlossen worden – ein selbst in diesem Kontext seltener Vorgang. Staatsanwältin Inke Dellius hatte eine Bewährungsstrafe von 16 Monaten gefordert, Strafverteidiger Burkhard Gerling hingegen wollte über ein Strafmaß von einem Jahr nicht hinausgehen.

Die Vorsitzende Richterin Birte Babener widmete sich der Urteilsbegründung sehr ausführlich. Nach Überzeugung der Kammer hat sich das Geschehen am 7. September 2016 folgendermaßen zugetragen: Der arbeitslose A. fährt mit seinem Fahrrad die Westerallee entlang, er will Pfandflaschen einlösen und weitere sammeln. Ein Einhandmesser trägt er griffbereit in seiner Hosentasche. Die junge Gymnasiastin fährt vor ihm, als sie rechts in die Stille Liebe einbiegen. Sie steigt ab, um sich zu orientieren, er ebenfalls. „Da fasste er den Entschluss, mit Gewalt den Geschlechtsverkehr mit ihr zu vollziehen“, führte die Richterin aus. Er packt sie an den Armen, hebt das sich heftig wehrende Mädchen hoch und trägt es etwa 15 Meter tief in den Wald hinein. Sie schreit laut um Hilfe. Der zum Tatzeitpunkt 29-Jährige versucht ihr den Mund zuzuhalten, bringt sie schließlich bäuchlings zu Boden, kniet auf ihr. Es gelingt ihm, sie teilweise zu entkleiden. Als sie ihn mit eindringlichen Worten anfleht, von ihr abzulassen, „entschloss er sich, von seinem Vorhaben abzulassen und rannte zurück zu seinem Fahrrad“.

Diese Phase des ungleichen Kampfes ist letztlich von entscheidender Bedeutung für das Urteil. Denn sowohl Staatsanwaltschaft, Verteidigung als auch das Gericht gehen davon aus, dass hier, gestützt von Zeugenaussagen, zwingend der Paragraf 24 StGB greifen muss. Demnach habe der Täter aus eigenem Antrieb von weiteren Handlungen abgesehen. Der Tatbestand der versuchten Vergewaltigung sei nicht gegeben. Bestehende Zweifel seien zu Gunsten des Angeklagten (In dubio pro reo) ausgelegt worden. Selbst sexuelle Nötigung oder ein besonders schwerer Fall seien nicht in Betracht zu ziehen.

Die Eltern als Nebenkläger hatten bis zuletzt versucht nachzuweisen, dass die Vollendung der Tat nur durch einen zufällig hinzukommenden Passanten verhindert worden sei. Dieser war zunächst von einem Fahrradunfall ausgegangen. Erst bei der Flucht des Täters soll er sich bemerkbar gemacht, das Mädchen („Er wollte mich vergewaltigen“) getröstet und die Polizei gerufen haben.

Birte Babener ließ keinen Zweifel daran, dass das Opfer erheblich unter den Folgen der Tat zu leiden habe: Albträume, Schlaflosigkeit, Verfolgungsangst. Die Steuerungsfähigkeit von A. sei laut Gutachten nicht eingeschränkt gewesen, seine Wahrnehmung nicht vermindert. „Er hat die Tat nicht langfristig geplant, es war ein spontaner impulshafter Entschluss, aber er war jederzeit Herr der Lage.“

Die Eltern zeigten sich nach dem Urteil bestürzt. „Ich hätte mir eine härtere Strafe erhofft“, sagt die Mutter. Sie wünsche ihrer Tochter das Gefühl, geschützt zu sein. „Aber sie hat lebenslänglich bekommen.“

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