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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Bettelarm trotz 70-Stunden-Woche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Industrialisierung stellt die Stadt vor neue Herausforderungen und lässt Gewerkschaften, Sozialdemokratie und Baugenossenschaften entstehen.

shz.de von
erstellt am 31.Mär.2015 | 18:30 Uhr

Flensburg | Die heimische Wirtschaft bläst zur Offensive: Die Industrialisierung hält in Flensburg gegenüber dem Westen des Reiches mit Verspätung Einzug. Dafür kommt sie mit geballter Wucht und krempelt die Arbeitsverhältnisse um. Eine Folge: 1893 werden die Sozialdemokraten stärkste Partei in Flensburg.

Bis Ende der 1860er Jahre prägen vor allem Schifffahrt, Manufakturen und Handwerksbetriebe die Flensburger Wirtschaft und werden von mechanischer Arbeit in Fabriken abgelöst. Dadurch sinken die Stückkosten, während der Absatz steigt.

Auch die Produktionszeiten können dank des technischen Fortschritts ausgeweitet werden: Ab 1890 können die Maschinen mit Strom anstelle von Brennstoff angetrieben werden. Zudem können die Fabrikhallen mit elektrischem Licht ausgeleuchtet werden, sodass auch nach Sonnenuntergang produziert werden kann. Das lässt die Kassen der Unternehmer klingeln, doch an den einfachen Fabrikarbeitern geht der Aufschwung vorbei. Die Sechs-Tage-Woche von Montag bis Sonnabend mit täglichen Arbeitszeiten von 12 Stunden ist die Regel. Den freien Sonntag verbringen viele Arbeiter mit Ausflügen an den Strand oder in die Marienhölzung.

Trotz der harten Arbeit nagen die meisten Arbeiter am Hungertuch. Ihr Lohn reicht, um für sich und ihre oft kinderreichen Familien das Überleben zu sichern – zu mehr aber auch nicht. Daher schließen sich schon 1868 die ersten Arbeiter zusammen und gründen die Flensburger Ortsgruppe des Lassalleanischen „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“.

Später entstehen aus den gewerkschaftlichen Bewegungen politische Parteien, die regen Zuwachs verzeichnen. Die soziale Frage löst zunehmend die nationale Frage ab. Das spiegeln auch die Reichstagswahlen wider: Bei der Abstimmung am 27. Oktober 1881 vereint die dänische Partei, die das Deutsche Reich ablehnte, noch 1328 Stimmen auf sich und behauptet ihre Rolle als stärkste Kraft in Flensburg. Die sozialdemokratische Partei kommt bei ihrer dritten Reichstagswahl in Flensburg auf 333 Stimmen (10,2 Prozent).

Während die Dänen in der Folge radikal an Stimmen einbüßen, schießen die Sozialdemokraten durch die Decke, werden bei der Wahl 1890 erstmals stärkste Partei in Flensburg und bauen diese Position 1893 weiter aus: Bei der Wahl am 15. Juni bekommen die Sozialdemokraten fast doppelt so viele Stimmen wie die zweitstärkste Partei der Nationalliberalen und erreichen 47,8 Prozent. Diese Zuwächse kann sie allerdings vor allem wegen des kommunalen Zensuswahlrechts im lokalen Bereich nicht geltend machen.

Die Situation der Arbeiter beschäftigt auch Bürgermeister Wilhelm Toosbüy. Offenbar auf seine Veranlassung hin unternimmt der junge Student Peter Christian Hansen eine Studienreise nach Schweden und Dänemark mit dem Ziel, sich dort für den Aufbau einer Baugenossenschaft in Flensburg inspirieren zu lassen. Solche Genossenschaften existieren in beiden skandinavischen Ländern bereits.

Vor allem Hansens Aufklärungsarbeit und Werbung in Flensburg ist es zu verdanken, dass sich mithilfe seiner Erkenntnisse der Studienreise Ende Juni 1878 der „Flensburger Arbeiter-Bauverein“ (FAB) gründete. Er ist damit die älteste deutsche Baugenossenschaft, die bis heute aktiv ist. Bei der konstituierenden Sitzung treten 277 Mitglieder ein, darunter 150 Arbeiter. Zehn Jahre später hat der FAB bereits über 1100 Mitglieder.

Viele von ihnen haben bis dahin in billigen Unterkünften gehaust. Daher verbindet Toosbüy mit der Gründung des FAB die Hoffnung, den Arbeitern durch das eigene Haus Selbstachtung und Sicherheit zu geben. Die ersten Häuser des FAB entstehen in der Bergstraße auf Duburg. Wenig später wird auch in der Apenrader Chaussee und der Vereinsstraße gebaut. Die Zweifamilienhäuser umfassen jeweils eine Küche und Stube im Erdgeschoss sowie zwei Schlafkammern (für Eltern und Kinder) im Obergeschoss und sind rund 49 Quadratmeter groß. Die Miete pro Monat beträgt 12,50 bis 13 Mark monatlich und ist für die Arbeiter erschwinglich.

Dementsprechend groß ist die Nachfrage, weshalb die FAB-Gründung den Startschuss gibt für weitere Baugenossenschaften: Mit dem Arbeiterbund nimmt 1898 eine zweite Flensburger Genossenschaft ihren Betrieb auf – in der Schwalben- und Lerchenstraße. Wiederum elf Jahre später gründet sich die „Beamten-Heimstätten-Genossenschaft“ und baut in der Klaus-Groth-Straße, Theodor-Storm-Straße sowie Hebbelstraße Wohnungen.

Zu diesem Zeitpunkt haben die Flensburger Arbeiter auch auf anderem Gebiet Grund zur Freude: In drei Streikwellen in den Jahren 1872, 1889/90 und 1898 erreichen sie eine Verbesserung der allgemeinen Arbeitsbedingungen. Das bleibt jedoch nicht ohne Folgen: Nach dem letzten der drei Streiks gründet die Gegenseite einen Flensburger Arbeitgeberverband, dem sich umgehend 307 Firmen aus dem Schleswiger Landesteil anschließen. Damit ist das Fundament für die heutigen Tarifparteien gelegt.

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