Kneipe an der Harniskaispitze in Flensburg : Besuch im Piratennest: „Wenn einer kommt, dann mach ich auf“

Wehrhafter Pirat: Harry Dittmer wirft die Flinte nicht so schnell ins Korn.
Wehrhafter Pirat: Harry Dittmer wirft die Flinte nicht so schnell ins Korn.

Wirt Harry Dittmer führt die derzeit wohl ungewöhnlichste Kneipe Flensburgs.

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17. August 2018, 06:26 Uhr

Flensburg | Das „Flensburger Tageblatt“ spricht mit Menschen aus Flensburg über ihre Arbeit, ihr Leben und ihren Blick auf Stadt, Beruf und Zukunft. Heute: Harry Dittmer, Chef-Pirat in seinem Nest an der Harniskaispitze.

Er hat vor einem Jahr mit seinem Piratennest die brach liegende Harniskaispitze geentert. Harry Dittmer (61) hob hier seinen ganz persönlichen Schatz. Der Freibeuter ist ein alter Hase in der Gastro-Branche: Nach der Handelsschule lernte er Hotelkaufmann im Europa-Hotel, im Borgerforeningen machte er seinen Koch. Nach fünf Jahren in der Schweiz führte er in Flensburg drei verschiedene Betriebe: das Stadtpark-Restaurant, die Restauration im Sportland und Dittmers Gasthof, den seine Familie 2006 verkaufte. Es folgten etwa zehn Jahre im Roten Hof.

Herr Dittmer, wie fühlt es sich denn so an – auf einem der schönsten Fleckchen Flensburgs?

Ich habe 40 Jahre lang in geschlossenen, fast fensterlosen Räumen gearbeitet. Ich wusste gar nicht, dass die Welt so groß ist und bis zu den Ochseninseln reicht (lacht). Es ist ein super Arbeitsplatz – nur nette Leute hier, total tiefenentspannt.

War es ein beschwerlicher Weg bis zur Eröffnung?

In einem Tageblatt-Artikel waren die Bürger 2016 aufgerufen worden, Konzepte für eine Zwischenlösung an der Harniskaispitze nach Räumung der Luftschlossfabrik zu entwickeln. Haben wir gemacht und eingereicht, in Piratenkluft im Rathaus vorgetragen. Tatsächlich bekamen wir den Zuschlag.

Aber 2016 hatte sich hier noch nichts getan...

Das stimmt. Es war zu kurzfristig, so dass wir mit den Planungen erst im Frühjahr 2017 einsteigen konnten. Trotz aller Warnungen, das Areal sei zu weit weg vom Zentrum, haben wir es getan. Aber ich bin ein nordischer Dickschädel und hab mich da durchgebissen – mit Hilfe von Freunden und Behörden. Wir mussten mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten die Infrastruktur herstellen, haben wie die Blöden rumgebuddelt, dann kam mit einem katastrophalen Sommer auch noch eine sehr schwierige Saison für uns. An guten Tagen allerdings wurden wir überrannt, dass hat uns den Arsch gerettet.

2018 dürfte dagegen etwas entspannter sein.

Dieses Jahr lief bislang hervorragend, wie überall in der Außen-Gastronomie. Wer das verneint, der spinnt. Wir jedenfalls spüren eine riesige Resonanz, mussten bereits weitere Stühle und Tische anschaffen... Kleinen Moment mal bitte.

(Ein Segler grüßt von der Förde, das Piratennest antwortet per Nebelhorn – ein Ritual)

Gibt es neben den wirtschaftlichen Interessen auch politische Ziele, die ihr verfolgt?

Ja, die sehen wir darin, dass wir die Menschen an die Fläche heranführen wollen, durch Aktionen wie etwa im Kulturzelt, in dem wir in Kooperation mit dem Musikerstammtisch bisher sieben Konzerte veranstaltet haben; oder mit dem Volleyballfeld, das gern in Anspruch genommen wird. Es ist hier inzwischen eine Strandatmosphäre entstanden, in der sich die Bürger wohlfühlen. Das Wichtigste: Die Fläche wird genutzt!

Welche Klientel kommt vorzugsweise vorbei?

Das lässt sich nicht eindeutig definieren. Es sind Angler, Segler, Wohnmobilisten, Arbeiter im Blaumann... beruflich läuft das querbeet. Wir sind ja auch angetreten, um eine Freifläche zu etablieren, auf der man tun und lassen kann, was man will. Man darf hier sein Bier trinken, eine Currywurst essen oder aber selbst seine Flasche Wein mitnehmen und sich auf den Steinen den Sonnenuntergang angucken. Wir haben unsere Preisstruktur ja auch bewusst darauf ausgerichtet, wollten keinen teuren Palast mit Edelpromenade. Und wir glauben, das will der Bürger auch nicht. Er will möglichst wenig Überplanung an diesem schönen Ort.

Chillige Musik von der Konserve sucht man hier vergebens. Warum?

Uns liegt sehr daran, die Ruhe dieses Platzes zu erhalten. Keine Beschallung! Man soll sich mit Freunden treffen, ruhige Gespräche führen, meinetwegen die Liegestühle mit an die Wasserkante nehmen und runterkommen, um den Alltag mal zu vergessen. Wie ein Kurzurlaub, der ab 14 Uhr beginnt und abends endet, wann immer man will. Eine Sperrstunde gibt es nicht – und wenn jemand kommt, dann mach ich auf. So einfach ist das.

Stichwort Planungssicherheit. Wie lange dürft ihr bleiben?

Der Planungsausschuss hat bestimmt, dass wir zunächst bis Ende 2020 weitermachen können. Entschieden wird dann im Zwei-Jahres-Rhythmus.

Wenn Nena am 1. September hier ihr Konzert gibt, wo bleibt ihr dann ab?

Wir befinden uns innerhalb des Konzertgeländes, haben Bewirtungsrechte und werden in das Geschehen integriert. Wir hoffen, dass die Abläufe gut koordiniert sind. Der Sanierungsträger der Stadt schützt uns ohnehin.

Sie haben einen Wunsch frei – welcher wäre das?

(überlegt länger) Meine größte Freude wäre, wenn das Piratennest an diesem Standort langfristig erhalten werden kann. Hinter uns ist ja noch genügend Platz, da darf gern was entstehen, da können sie sich gern austoben!

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