Rock und Pop in Flensburg : Bescherung für die Musik-Szene

Mann mit Kamera: Für einige Szenen hat Michael Brüsehoff seine Gesprächspartner an besonders typischen Flensburg-Orten gefilmt – wie hier Solitüde.
Mann mit Kamera: Für einige Szenen hat Michael Brüsehoff seine Gesprächspartner an besonders typischen Flensburg-Orten gefilmt – wie hier Solitüde.

Ein Zugereister, der in die Rock-Geschichte eintauchte: Michael Brüsehoffs Film „Flensburg Beats“ feiert im Deutschen Haus Premiere.

shz.de von
29. Dezember 2014, 07:45 Uhr

Was für eine Bescherung am Ende des zweiten Weihnachtstages! Die Flensburger Szene hat ihren Film und ist bei der Premiere im Deutschen Haus reichlich vertreten. Kein Stuhl bleibt frei im großen Saal, einige sind so gar doppelt besetzt. Tom Klose, ein jüngeres Exportprodukt der Szene, hat sich für das Intro ganz sinnfällig einen 16 Jahre alten Song einer Band ausgesucht, die man immer noch als rockende Pennäler in Erinnerung hat: „Sag mal weinst Du?“, echt stark interpretiert, und der Drummer von damals flimmert später schwarzweiß über die Leinwand und ist leibhaftig im Saal. Übrigens haben sich beide, Tom und Flo, mittlerweile in der ungleich größeren Szene an der Elbe etabliert.

„Flensburg Beats“ hat Michael Brüsehoff, ein Neu-Flensburger, seinen Film getauft, an dem er noch bis in die Nacht vor der Premiere geschnitten haben soll. Man kann sich gut vorstellen, was für ein fieser Job das gewesen sein muss. Aus ein oder zwei Stunden Interview eine halbe Minute oder gar nur ein paar Sekunden zu destillieren, muss unglaublich schwer fallen. Klar, dass der eine oder andere hinterher den einen oder anderen wichtigen Satz, den er gesagt haben will, vermisst. Erst recht klar, dass jeder mindestens einen oder eine kennt, die zwingend in diesen Film gehört hätte.

Als Brüsehoff erst vor wenigen Jahren an die Förde kam, kannte er hier niemanden. Umso größer die Anerkennung, dass er am Ende nicht alle, aber sehr viele Urgesteine aufgespürt und interviewt hat und sein Film wirklich ein gutes Spiegelbild der Szene geworden ist. Nur ein positiv Verrückter betreibt diesen Aufwand für einen Dokumentarfilm, für den sich außerhalb der Region vermutlich nie jemand interessieren wird.

Was sehen wir? Wir schauen tief in die jüngere Geschichte der Stadt. Da tobt ein blutjunger Andreas Fahnert als Frontmann bei Rockwork über die Bühne, und man sieht Kulle Westphal, Sänger der legendären Fuckin’ Kius Band, wie er das Wort, das auch diese Zeitung einst ungern druckte, handgreiflich erklärte – nämlich mit dem Matsch vor dem Banddomizil im Schleidorf Kius. Man sieht Echt, als sie noch Seven-Up hießen, und Drummer Flo ein Loblied auf das Volksbad halten. Man sieht Conny vom Orpheus sowie Kwixi und Gerri vom Volksbad. Rainer Prüß, wie er mit einem Adhoc-Quartett plötzlich Deutschland beim europäischen Rundfunk-Festival vertreten soll. Axel Stosberg als Nachtfalke bei der gleichnamigen Kneipenband. Didi Mo in seiner Garage auf dem Land, Norbert Lehre am Mischpult, Nora Oertel auf der Terrasse und und und. „Flensburg Beats“ ist keinesfalls pure Nostalgie, weil erstens auch die jungen Szenegewächse wie Simon Glöde und Salamanda ihren Platz haben und weil zweitens eine Einordnung der Vergangenheit erfolgt und die Protagonisten von damals heute zu Wort kommen. So erfährt man nicht zuletzt, dass die Szene ohne wichtige Bühnen wie Volksbad oder Kühlhaus heute nicht das wäre, was sie ist.

Brüsehoff hat zusammen mit seinem Kameramann eine durchgehende Bildsprache entwickelt, durch einen Zoom auf die Gesichter der Interviewpartner, durch sparsam eingesetzte Effekte bei den Überblendungen. Wohltuend, dass er sich selbst total zurückhält. Es gibt keinen Erzähltext, nur die Interviews. Dadurch fehlt bisweilen etwas der rote Faden, aber jede Episode steht für sich. Ein Highlight sind ganz sicher die Interviews und Filmschnipsel mit den Fro-Tee Slips, Flensburgs dienstältester Band, die – na klar – auch im Saal ist. Flensburg Unplugged wird erwähnt, die Hofkultur und Folk-Baltica hingegen nicht. Ein Versäumnis? Nein, eher ein guter Grund für eine Erweiterung oder eine Fortsetzung.

Zu fragen ist, ob die Sportpiraten in diesen Film passen, ob Bildende Künstler hinein passen und wenn ja, warum gerade die, die vorkommen. Der Film hätte eine etwas professionellere Präsentation verdient gehabt. Das Bildformat der Projektion stimmte nicht, die Flensburger Szene wirkte durchgehend sehr gepresst. Ärgerlich. Irgendjemand hätte den Macher vorstellen müssen, fünf Minuten Interview vor Beginn oder ein Moderator. Tom Klose riss es aber raus, mit seiner Stimme, seiner charmanten Überleitung. Was für ein Sänger!

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