Flensburg Norderstrasse : Bericht aus Christiania

Kirsten Larsen Fisker Mhoja: seit 38 Jahren „Christianiterin“.
Kirsten Larsen Fisker Mhoja: seit 38 Jahren „Christianiterin“.

Kirsten Larsen Fisker Mhoja erläutert beim Kulturaustausch in der Dänischen Zentralbibliothek das weltbekannte soziale Experiment

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19. März 2018, 18:11 Uhr

Der „Freistaat Christiania“ ist Inbegriff einer nichtbürgerlichen Lebensform und mit jährlich über einer Million Besucher die drittgrößte Touristenattraktion Kopenhagens. Viele Führungen werden von der in Südjütland geborenen Kirsten Larsen Fisker Mhoja geleitet, die mehrere europäische Sprachen und Kisuaheli spricht. Sie lebt seit nunmehr 38 Jahren im weltgrößten alternativen Wohnprojekt.

In der Dänischen Bibliothek erzählte sie die spannende Entstehungsgeschichte, von der Besetzung leer stehender Militärkasernen im Jahr 1971 bis zur heutigen Zeit. Damals kamen Menschen zusammen, die ihre Vorstellungen von Basisdemokratie und einer toleranten Gesellschaft verwirklichen wollten. Es gab kein fließendes Wasser, keinen Strom, keinen Komfort – dafür jede Menge Spielraum für individuelle und kollektive Entfaltung, weshalb Christiania zum Motor der progressiven Kultur wurde.

Auch Bibliothekschef Jens M. Henriksen besuchte Christiania häufig in seinen Jahren als Kopenhagener Jurist und verfolgte fasziniert und mit kritischem Abstand die unvorhersehbare Eigendynamik des sozialen Experimentes. Immer wieder geriet Christiania in die Schlagzeilen, denn Hausbesetzungen und freier Haschischverkauf hatten juristische Folgen und zogen Polizeieinsätze nach sich. Auch mussten sich die Einwohner gegen die Vereinnahmung durch Rocker und Junkies wehren. Doch, so betont Fisker Mhoja, konnten die Christianiter bis heute den Verkauf harter Drogen verhindern. Und das unter der Prämisse, soziale Outsider nicht zu isolieren, sondern zu integrieren.

Im Jahr 2012 zahlten sich das zähe Ringen des Rechtsanwaltes Knud Foldschack mit den Behörden und die kontinuierliche breite Lobbyarbeit aus: Mit der Gründung eines Fonds wurde ein Teil des besetzten Grundes für 11,33 Millionen Euro gekauft. Nun gehört der Gemeinschaftsbesitz offiziell allen und alle bezahlen zusätzlich eine jährliche Miete von knapp 1 Million Euro plus Steuern und Gebühren. Als kleine laufende Geldmaschine haben die Christianiter Volks-Aktien entworfen, auch aus den Geschäften und den Gaststätten wie dem „Nemoland“, dem Jazzclub oder der Kunstgalerie fließen Einnahmen an die Gemeinschaft. Weltweiter Verkaufshit seit Jahrzehnten sind die Fahrräder aus den eigenen Werkstätten, die im Jahr 2013 sogar Prinz Henrik zu einer kleinen Hygge-Tour durch Christiania nutzte.

Führungen: http://rundvisergruppen.dk/ Webseite: Christiania.org

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